| Einführung
Das Internet hat seit 1993 in Deutschland wie
international eine enorme kulturelle Präsenz
gewonnen. Obwohl (bislang) nur eine Minderheit der deutschen Bevölkerung Computernetze
nutzt, widmet sich die öffentliche Diskussion sehr ausführlich den psychischen und
sozialen Folgen von Vernetzung und Virtualisierung. Dass hierbei die Einschätzungen
auseinandergehen, ist nicht überraschend, da die psychosoziale Bedeutung von Medien
allgemein sehr kontrovers diskutiert wird. Wie es für die Einführungsphase einer neuen
Technologie typisch ist, tritt die Kontroverse zwischen Medienbefürwortern
und Medienkritikern im Zusammenhang mit dem Internet
besonders pointiert zu Tage: Glücksvisionen von der prosperierenden, allseits
informierten, umweltschonenden, globalen Teledemokratie werden ebenso verbreitet wie
Schreckensszenarien des vereinsamten und überwachten Lebens in einer bis zum legendären
Cybersex computerisierten Telekratie.
Es ist weder sinnvoll, das Internet und andere
Computernetze vorschnell hochzujubeln, noch sie aus vermeintlich "kritischer
Distanz" als Unglückstechnologien zu entlarven. Wie so häufig wird auch beim Thema
Vernetzung ein tieferes Verständnis nicht ohne sorgfältige Beobachtung, ohne Geduld für
Details und Nuancen und ohne eine differenzierte, theoriegeleitete Auseinandersetzung zu
haben sein. Dabei können die Sozialwissenschaften, v.a. die Sozialpsychologie,
eine Schlüsselrolle einnehmen. Denn wenn wir das Internet nutzen, beschäftigen wir uns
nicht primär mit "Computern" oder mit "Informationen", sondern widmen
uns in erster Linie der zwischenmenschlichen Kommunikation und
Interaktion. Wie diese Kommunikationsprozesse im Internet ablaufen und welche
psychosozialen Konsequenzen sie nach sich ziehen, wird oft sehr vage, ausschnitthaft und
einseitig behandelt. Zielsetzung der vorliegenden Arbeit ist es, das Internet aus
sozialpsychologischer Perspektive zu konturieren und Vagheit durch differenzierte
Beschreibung, theoretische Analyse und empirische Evidenzen zu ersetzen. Im einzelnen
werden vier Fragestellungen behandelt:
Wie verlaufen interpersonale Kommunikationsprozesse im Internet, welche Besonderheiten
weisen sie gegenüber persönlicher, telefonischer oder brieflicher Kommunikation auf?
Wie verändern sich bestehende Identitäten im Zuge der Internet-Nutzung und wie entwickeln
sich neue Identitäten im Internet?
Wie verändern sich bestehende soziale Beziehungen im Zuge der Internet-Nutzung und wie
entwickeln sich neue soziale Beziehungen im Internet?
Wie verändern sich bestehende soziale Gruppen im Zuge der Internet-Nutzung und wie entwickeln sich
neue soziale Gruppen im Internet?
Die Beschreibung und Erklärung von
Kommunikationsprozessen im Internet beginnt mit einer Definition
und Charakterisierung des Internet als "Netz der Netze" samt einem
kurzen Rückblick in seine Geschichte (Kap. 1). Anschließend werden die unterschiedlichen
Varianten zeitversetzter (Kap. 2) und zeitgleicher (Kap. 3) zwischenmenschlicher Kommunikation im
Internet beschrieben. Bei dieser Beschreibung stehen nicht die technischen Merkmale der
einzelnen Internet-Dienste im Vordergrund, sondern die sozialen Gebrauchsweisen.
Beschrieben wird also beispielsweise nicht der "Email-Dienst", sondern das
"Mailen" als genuin neue Form des zwischenmenschlichen Austauschs. Dass im
Internet in bestimmter Weise kommuniziert wird, ist dabei nicht einfach als
"Internet-Effekt" zu verstehen, sondern auch Resultat der spezifischen
Kompetenzen und Interessen der jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer,
die hinsichtlich ihres soziodemografischen Profils (bislang) von der Gesamtbevölkerung
systematisch abweichen (Kap. 4).
Zur methodischen Erfassung computervermittelter
Kommunikation stehen eine Reihe (teilweise sehr ökonomischer) Verfahren zur Verfügung.
Die Erprobung und Weiterentwicklung netzbezogener Datenerhebungsmethoden
(Kap. 5) ist neben der Phänomenbeschreibung und Hypothesenprüfung eine wichtige Aufgabe
für die zukünftige sozialwissenschaftliche Internet-Forschung. Bislang liegen im
wesentlichen zehn theoretische Modelle zur
computervermittelten Kommunikation (CvK) vor, die Determinanten, Merkmale und Konsequenzen
der Internet-Kommunikation behandeln. Diese CvK-Modelle (Kap. 6) stehen eher in einem
Ergänzungs- als in einem Konkurrenzverhältnis und lassen sich in ein medienökologisches
Rahmenmodell integrieren. Das medienökologische Rahmenmodell betrachtet unterschiedliche
Formen der Netzkommunikation nicht isoliert, sondern in ihren Wechselwirkungen mit anderen
medialen und nicht-medialen Kommunikationsprozessen.
Um die soziale Bedeutung computervermittelter
Kommunikation zu beurteilen, kann man zum einen kurzfristige Effekte in der
Kommunikation betrachten (z.B. unter welchen Bedingungen wirken Email-Kontakte
unpersönlich und defizitär?) und sich zum anderen langfristigen sozialen Folgen
zuwenden: Wie lassen sich bestehende Identitäten im
Netz darstellen und unter welchen Bedingungen entstehen im Zuge der Netznutzung neue
Identitäten (Kap. 7)? Welchen Einfluss haben Netznutzung oder Netzabstinenz auf
herkömmliche soziale Beziehungen und wie lernen sich
Menschen im Netz erstmals kennen (Kap. 8)? Wie greift computervermittelte Kommunikation in
die Strukturen und Prozesse etablierter Gruppen ein
und wie können sich räumlich verstreute Personen im Internet zu neuen Gruppen und
Gemeinschaften zusammenfinden (Kap. 9)?
Diese Fragen werden in der vorliegenden Arbeit
mit Hilfe der CvK-Modelle sowie der gängigen sozialpsychologischen Identitäts-,
Beziehungs- und Gruppentheorien strukturiert und auf der Basis publizierter Befunde sowie
eigener Interview-Studien und Fragebogen-Untersuchungen
mit ersten Antworten versehen (s. Anhang 1-4). Aus empirischer Sicht geht es
insbesondere darum, einen hohen Sättigungsgrad hinsichtlich der Vielfalt
realisierter Nutzungsformen und Nutzungsfolgen zu erreichen, also explorativ zunächst die
verschiedenen Fassetten des Gegenstandes möglichst vollständig und differenziert zu
erfassen, um nicht vorschnell zu eindimensionalen Erklärungsmodellen zu kommen.
Fassettenreichtum wird dabei einerseits durch die Berücksichtigung einer großen Fülle
von Untersuchungen sichergestellt. Zum anderen bilden umfangreiche teilnehmende und
nicht-teilnehmende Feldbeobachtungen sowie
Feldgespräche und Materialsammlungen die Basis für eine kritische Würdigung und
Gliederung der Einzelbefunde. Beobachtet wurden im Zeitraum von 1993 bis 1998 zahlreiche
deutsch- und englischsprachige Mailinglisten, Newsgroups, WWW-Sites, Chat-Channels und
MUDs sowie diverse netzbezogene "Real-Life"-Szenarien (Channel-Parties,
Internet- Cafés, Workshops, Tagungen, Konferenzen). Auch wenn diese Beobachtungsstudien
im Ganzen keinem ethnografischen Forschungskonzept folgen, so überwinden sie doch die
üblichen Beschränkungen anekdotischer Berichte vom Netzleben (kurzer
Beobachtungszeitraum, wenige Netzforen, ungenügende Berücksichtigung unterschiedlicher
Nutzungsmuster, Überbetonung des Spektakulären und mangelnde Repräsentation des
Alltäglichen).
Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit erlauben
es, gängige Thesen des öffentlichen Internet-Diskurses (z.B. "Netznutzer flüchten
sich in Schein-Identitäten", "Netz-Beziehungen sind oberflächliche
Pseudo-Beziehungen", "Virtuelle Gemeinschaften fördern den Zerfall realer
Gemeinschaften") theoretisch und empirisch zu präzisieren und kontextspezifisch
teilweise zu bestätigen, oft aber auch zu widerlegen. Es bleibt zukünftigen
Untersuchungen überlassen, die Verbreitung der einzelnen explorativ untersuchten
Phänomene exakt zu quantifizieren und die beschriebenen Wirkungszusammenhänge
experimentell zu prüfen.
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