Sozialpsychologie des Internet

Nicola Döring

Hogrefe - Verlag für Psychologie

1. Auflage (1999)


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Einführung

Das Internet hat seit 1993 in Deutschland wie international eine enorme kulturelle Präsenz gewonnen. Obwohl (bislang) nur eine Minderheit der deutschen Bevölkerung Computernetze nutzt, widmet sich die öffentliche Diskussion sehr ausführlich den psychischen und sozialen Folgen von Vernetzung und Virtualisierung. Dass hierbei die Einschätzungen auseinandergehen, ist nicht überraschend, da die psychosoziale Bedeutung von Medien allgemein sehr kontrovers diskutiert wird. Wie es für die Einführungsphase einer neuen Technologie typisch ist, tritt die Kontroverse zwischen Medienbefürwortern und Medienkritikern im Zusammenhang mit dem Internet besonders pointiert zu Tage: Glücksvisionen von der prosperierenden, allseits informierten, umweltschonenden, globalen Teledemokratie werden ebenso verbreitet wie Schreckensszenarien des vereinsamten und überwachten Lebens in einer bis zum legendären Cybersex computerisierten Telekratie.

Es ist weder sinnvoll, das Internet und andere Computernetze vorschnell hochzujubeln, noch sie aus vermeintlich "kritischer Distanz" als Unglückstechnologien zu entlarven. Wie so häufig wird auch beim Thema Vernetzung ein tieferes Verständnis nicht ohne sorgfältige Beobachtung, ohne Geduld für Details und Nuancen und ohne eine differenzierte, theoriegeleitete Auseinandersetzung zu haben sein. Dabei können die Sozialwissenschaften, v.a. die Sozialpsychologie, eine Schlüsselrolle einnehmen. Denn wenn wir das Internet nutzen, beschäftigen wir uns nicht primär mit "Computern" oder mit "Informationen", sondern widmen uns in erster Linie der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion. Wie diese Kommunikationsprozesse im Internet ablaufen und welche psychosozialen Konsequenzen sie nach sich ziehen, wird oft sehr vage, ausschnitthaft und einseitig behandelt. Zielsetzung der vorliegenden Arbeit ist es, das Internet aus sozialpsychologischer Perspektive zu konturieren und Vagheit durch differenzierte Beschreibung, theoretische Analyse und empirische Evidenzen zu ersetzen. Im einzelnen werden vier Fragestellungen behandelt:

  1. Wie verlaufen interpersonale Kommunikationsprozesse im Internet, welche Besonderheiten weisen sie gegenüber persönlicher, telefonischer oder brieflicher Kommunikation auf?

  2. Wie verändern sich bestehende Identitäten im Zuge der Internet-Nutzung und wie entwickeln sich neue Identitäten im Internet?

  3. Wie verändern sich bestehende soziale Beziehungen im Zuge der Internet-Nutzung und wie entwickeln sich neue soziale Beziehungen im Internet?

  4. Wie verändern sich bestehende soziale Gruppen im Zuge der Internet-Nutzung und wie entwickeln sich neue soziale Gruppen im Internet?

Die Beschreibung und Erklärung von Kommunikationsprozessen im Internet beginnt mit einer Definition und Charakterisierung des Internet als "Netz der Netze" samt einem kurzen Rückblick in seine Geschichte (Kap. 1). Anschließend werden die unterschiedlichen Varianten zeitversetzter (Kap. 2) und zeitgleicher (Kap. 3) zwischenmenschlicher Kommunikation im Internet beschrieben. Bei dieser Beschreibung stehen nicht die technischen Merkmale der einzelnen Internet-Dienste im Vordergrund, sondern die sozialen Gebrauchsweisen. Beschrieben wird also beispielsweise nicht der "Email-Dienst", sondern das "Mailen" als genuin neue Form des zwischenmenschlichen Austauschs. Dass im Internet in bestimmter Weise kommuniziert wird, ist dabei nicht einfach als "Internet-Effekt" zu verstehen, sondern auch Resultat der spezifischen Kompetenzen und Interessen der jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer, die hinsichtlich ihres soziodemografischen Profils (bislang) von der Gesamtbevölkerung systematisch abweichen (Kap. 4).

Zur methodischen Erfassung computervermittelter Kommunikation stehen eine Reihe (teilweise sehr ökonomischer) Verfahren zur Verfügung. Die Erprobung und Weiterentwicklung netzbezogener Datenerhebungsmethoden (Kap. 5) ist neben der Phänomenbeschreibung und Hypothesenprüfung eine wichtige Aufgabe für die zukünftige sozialwissenschaftliche Internet-Forschung. Bislang liegen im wesentlichen zehn theoretische Modelle zur computervermittelten Kommunikation (CvK) vor, die Determinanten, Merkmale und Konsequenzen der Internet-Kommunikation behandeln. Diese CvK-Modelle (Kap. 6) stehen eher in einem Ergänzungs- als in einem Konkurrenzverhältnis und lassen sich in ein medienökologisches Rahmenmodell integrieren. Das medienökologische Rahmenmodell betrachtet unterschiedliche Formen der Netzkommunikation nicht isoliert, sondern in ihren Wechselwirkungen mit anderen medialen und nicht-medialen Kommunikationsprozessen.

Um die soziale Bedeutung computervermittelter Kommunikation zu beurteilen, kann man zum einen kurzfristige Effekte in der Kommunikation betrachten (z.B. unter welchen Bedingungen wirken Email-Kontakte unpersönlich und defizitär?) und sich zum anderen langfristigen sozialen Folgen zuwenden: Wie lassen sich bestehende Identitäten im Netz darstellen und unter welchen Bedingungen entstehen im Zuge der Netznutzung neue Identitäten (Kap. 7)? Welchen Einfluss haben Netznutzung oder Netzabstinenz auf herkömmliche soziale Beziehungen und wie lernen sich Menschen im Netz erstmals kennen (Kap. 8)? Wie greift computervermittelte Kommunikation in die Strukturen und Prozesse etablierter Gruppen ein und wie können sich räumlich verstreute Personen im Internet zu neuen Gruppen und Gemeinschaften zusammenfinden (Kap. 9)?

Diese Fragen werden in der vorliegenden Arbeit mit Hilfe der CvK-Modelle sowie der gängigen sozialpsychologischen Identitäts-, Beziehungs- und Gruppentheorien strukturiert und auf der Basis publizierter Befunde sowie eigener Interview-Studien und Fragebogen-Untersuchungen mit ersten Antworten versehen (s. Anhang 1-4). Aus empirischer Sicht geht es insbesondere darum, einen hohen Sättigungsgrad hinsichtlich der Vielfalt realisierter Nutzungsformen und Nutzungsfolgen zu erreichen, also explorativ zunächst die verschiedenen Fassetten des Gegenstandes möglichst vollständig und differenziert zu erfassen, um nicht vorschnell zu eindimensionalen Erklärungsmodellen zu kommen. Fassettenreichtum wird dabei einerseits durch die Berücksichtigung einer großen Fülle von Untersuchungen sichergestellt. Zum anderen bilden umfangreiche teilnehmende und nicht-teilnehmende Feldbeobachtungen sowie Feldgespräche und Materialsammlungen die Basis für eine kritische Würdigung und Gliederung der Einzelbefunde. Beobachtet wurden im Zeitraum von 1993 bis 1998 zahlreiche deutsch- und englischsprachige Mailinglisten, Newsgroups, WWW-Sites, Chat-Channels und MUDs sowie diverse netzbezogene "Real-Life"-Szenarien (Channel-Parties, Internet- Cafés, Workshops, Tagungen, Konferenzen). Auch wenn diese Beobachtungsstudien im Ganzen keinem ethnografischen Forschungskonzept folgen, so überwinden sie doch die üblichen Beschränkungen anekdotischer Berichte vom Netzleben (kurzer Beobachtungszeitraum, wenige Netzforen, ungenügende Berücksichtigung unterschiedlicher Nutzungsmuster, Überbetonung des Spektakulären und mangelnde Repräsentation des Alltäglichen).

Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit erlauben es, gängige Thesen des öffentlichen Internet-Diskurses (z.B. "Netznutzer flüchten sich in Schein-Identitäten", "Netz-Beziehungen sind oberflächliche Pseudo-Beziehungen", "Virtuelle Gemeinschaften fördern den Zerfall realer Gemeinschaften") theoretisch und empirisch zu präzisieren und kontextspezifisch teilweise zu bestätigen, oft aber auch zu widerlegen. Es bleibt zukünftigen Untersuchungen überlassen, die Verbreitung der einzelnen explorativ untersuchten Phänomene exakt zu quantifizieren und die beschriebenen Wirkungszusammenhänge experimentell zu prüfen.

 

 


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Nicola.Doering@urz.uni-heidelberg.de
1. Juni 1999, letzte Änderung: 3. Juni 1999