Sozialpsychologie des Internet

Nicola Döring

Hogrefe - Verlag für Psychologie

1. Auflage (1999)


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1   Kennzeichen des Internet

Das Internet ist ein Computernetzwerk unter vielen. Welche Besonderheiten es aufweist und inwiefern es sich als "Netz der Netze" von allen anderen Computernetzen gravierend unterscheidet, ist Thema dieses Kapitels. Die mittlerweile recht oft referierten historischen und technischen Kennzeichen des Internet werden hier explizit aus sozialer Perspektive betrachtet. In Kap. 1.1 geht es zunächst um die Entstehung und Definition des Internet. Kap. 1.2 beschreibt die Zugangswege zum Internet und geht auch auf Zugangsbarrieren ein. Kap. 1.3 erläutert die soziotechnischen Unterschiede zwischen Internet, Online-Diensten und Mailbox-Netzen. Kap. 1.4 beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Internet vor dem Hintergrund zunehmender Informatisierung und Individualisierung. Kap. 1.5 liefert eine kurze Zusammenfassung.

 

1.1   Entstehung und Definition des Internet
1.2   Zugang zum Internet
1.3   Internet, Online-Dienste und Mailbox-Netze
1.4   Gesellschaftliche Bedeutung des Internet
1.5   Zusammenfassung

 

1.4 Gesellschaftliche Bedeutung des Internet

 

Das Internet hat seit 1993 eine enorme kulturelle Präsenz gewonnen. Fernsehen, Tageszeitungen und Zeitschriften berichten mittlerweile regelmäßig über das "Surfen auf der Datenautobahn" (kritisch zu dieser Internet-Metapher siehe Canzler, Helmers & Hoffmann, 1995; zu "Datenmeer" versus "Datenautobahn" siehe auch Bickenbach & Maye, 1997) und beenden ihre Beiträge routinemäßig mit der Nennung von Email- und WWW-Adressen. In den USA wird kaum noch ein Werbespot im Fernsehen ausgestrahlt, der keine WWW-Adresse zeigt. Tageszeitungen und Magazine wie Die Zeit, Die Welt oder Der Spiegel publizieren Online-Versionen im Internet und haben regelmäßige Computer- und Internet-Seiten in ihre Papier-Versionen aufgenommen. Mit seiner Popularisierung wird das Internet zunehmend auch für Wirtschaftsunternehmen interessant: Denn im Netz kann man Werbung platzieren, Bestellservice und Beratung anbieten, Stellenausschreibungen verbreiten und Kundenkontakte herstellen. In Deutschland bieten seit 1995 alle großen politischen Parteien sowie Bundestag und Bundesregierung eigene WWW-Seiten an (z.B. http://www.bundestag.de/). Diverse Abgeordnete verfügen mittlerweile über Email-Adressen – und einige beantworten Bürger-Anfragen sogar. 1996 startete die Bundesinitiative "Schulen ans Netz" (SaN: http://www.san-ev.de/), die binnen drei Jahren die Internet-Anbindung von 10.000 allgemeinbildenden Schulen zum Ziel hat (ohne allerdings eine langfristige Übernahme der Online-Kosten sicherzustellen). Im wissenschaftlichen Bereich spielen Fachzeitschriften, die nur im Internet erscheinen, eine immer größere Rolle.

Diese Beispiele sollen illustrieren, dass das Internet potentiell in allen gesellschaftlichen Bereichen von Bedeutung ist. Als vorübergehende Mode-Erscheinung kann die aktuelle Internet-Begeisterung (internet hype) also nicht abgetan werden. Vielmehr herrscht in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft weitgehende Einigkeit darüber, dass Vernetzung mit einem tiefgreifenden strukturellen Wandel unserer Gesellschaft einhergeht. Die Transformation der modernen Industriegesellschaften in sogenannte Informationsgesellschaften bzw. postmoderne Gesellschaften ist bereits seit den 70er Jahren in der Diskussion (vgl. Bernhardt & Ruhmann, 1995; für eine Differenzierung unterschiedlicher Konzepte der Informationsgesellschaft siehe Martin Löffelholz  & Klaus-Dieter Altmeppen, 1994). Unter Informationsgesellschaft wird dabei in meist eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform verstanden, in der der produktive Umgang mit der Ressource Information und die wissensintensive Produktion eine herausragende Rolle spielen (Bundesministerium für Wirtschaft, 1996).

Parallel zur Informatisierung der Gesellschaft wird in den Sozialwissenschaften übereinstimmend eine Individualisierung bzw. Pluralisierung der Lebensmodelle konstatiert. Gestiegener Wohlstand, erhöhtes Bildungsniveau, verbesserte Familienplanung und gesteigerte Frauenerwerbsarbeit sind Faktoren, die dazu beitragen, dass vormals alternativlose Lebensmodelle plötzlich disponibel geworden sind. Dementsprechend können bzw. müssen wir uns immer öfter auf uns selbst verlassen, wenn wir uns für oder gegen bestimmte Beziehungs- und Familienformen, Ausbildungswege und Berufsfelder, Glaubenssysteme oder Gruppenzugehörigkeiten entscheiden. Insgesamt entsteht dadurch ein vielfältigeres Bild an Lebensmodellen (zur Individualisierungs-Debatte siehe z.B. Ulrich Beck & Elisabeth Beck-Gernsheim, 1994; Hradil, 1995; Helmut Klages, 1993). Während einige Stimmen diese Entwicklung sehr kritisch beurteilen im Sinne wachsender Orientierungslosigkeit, Überforderung, Wertezerfall und Gesellschafts-Zersplitterung, interpretieren andere diese neu gewonnene Vielfalt positiv als Überwindung eines im Grunde menschenfeindlichen Zwangs zur Einheitlichkeit. Die letztgenannte Position der positiven Würdigung von Pluralität (im Unterschied zum Glauben an universale Modelle und den "one best way") wird üblicherweise als "postmodern" etikettiert.

Postmoderne Theorien gehen davon aus, dass es die einzig wahre Form zu leben und zu denken nicht gibt, sondern dass unterschiedliche Lebensmodelle, Wirklichkeitskonstruktionen und Theorien nebeneinander bestehen und dass eine Integration durch Anerkennung dieser Vielfalt und nicht durch "Einschwören" auf einen gemeinsamen universellen Glaubenssatz, Wert oder Konsens erreicht werden kann bzw. soll. Während postmoderne Theorien die Moderne als "totalitär" kritisieren, wird postmodernes Denken sehr häufig mit dem Vorwurf der Beliebigkeit ("anything goes") belegt – was die postmoderne Seite wiederum als Missverständnis zurückweist (z.B. Wolfgang Welsch, 1993, S. 2ff.).

Sowohl Informatisierung als auch Individualisierung sind momentan in der breiten Öffentlichkeit und in den Sozialwissenschaften wichtige Themen. Dementsprechend ist es kein Wunder, dass Einschätzungen über die gesellschaftliche Bedeutung des Internet häufig unter Rückgriff auf diese beiden Konzepte bzw. Diskurse vorgenommen werden: Mal erscheint die "Datenautobahn" als Grundpfeiler einer prosperierenden Informationswirtschaft, dann wieder werden Globalisierung und fortschreitende Informatisierung als Bedrohung für nationale Wirtschaften und insbesondere ihre Arbeitsmärkte betrachtet. Mal wird der Cyberspace als fiktive Scheinwelt kritisiert, in die sich der desorientierte, bindungslose moderne Mensch flüchtet und seinen ohnehin übersteigerten Individualismus kultiviert, dann wieder wird die Vielfalt der Kontakt- und Entfaltungsmöglichkeiten im Netz als Übungs- und Darstellungsfeld unterschiedlicher Identitäten gewürdigt und die medienbedingte Auflösung herkömmlicher Vorstellungen vom "Realen" und "Simulierten" als instruktiv und sozial bereichernd begrüßt.

Da man bei solchen pauschalen Evaluationen (unter Vernachlässigung des jeweiligen Kontextes oder Anwendungsfalles) schnell in dichotomes Argumentieren verfällt, ist es hilfreich, sich immer wieder vor Augen zu führen, worauf wir im Folgenden noch oft zurückkommen werden: "Das Netz ist nicht Entweder-Oder, sondern Und-Und-Und" (Schmundt, 1996, S. 139). In der Auseinandersetzung mit Technologien spielen Zukunftsperspektiven eine wichtige Rolle. Ein sehr bekanntes Forum für optimistische bis enthusiastische Beiträge über die Informationsgesellschaft und ihre Zukunft ist das Magazin Wired (mit Postadresse in San Francisco; http://www.wired.com/), das sich auch durch sein Design betont avangardistisch präsentiert. Positive Darstellungen von Gegenwart und Zukunft der Informationsgesellschaft findet man außerdem bei Brauner und Bickmann (1994), Esther Dyson (1997), Bill Gates (1995), Nicholas Negroponte (1995) und Toffler (1980). Alle charakterisieren ihre Grundhaltung explizit als "optimistisch". Und so beschreibt Gates (1995, S. 360) eine Utopie, in der sich Individualisierung und Informatisierung ausgezeichnet ergänzen:

Die Informationstechnik wird uns mehr Freizeit bringen und den Horizont unserer kulturellen Aktvitäten erweitern, weil sie für eine bessere Informationsverteilung sorgen wird. Die Ballungszentren werden entlastet, weil es den Menschen ermöglicht wird, ihrer Arbeit zu Hause oder am Stadtrand oder in außerhalb gelegenen Büros nachzugehen. Und auch die natürlichen Ressourcen werden geschont, weil man immer mehr Produkte in Form von Bits statt wie bisher als fabrikgefertigte Waren anbieten wird. Dank der neuen Technologie werden wir besser in der Lage sein, unser Leben selbst zu gestalten; sie wird uns Erfahrungen und Produkte liefern, die speziell auf unsere Interessen und Bedürfnisse zugeschnitten sind. Den Mitgliedern der Informationsgesellschaft werden sich ganz neue Wege zu Produktivität, Lernen und Unterhaltung erschließen. Wirtschaftliche Erfolge winken Staaten, die sich mutig und in Abstimmung mit anderen Nationen für die neuen Entwicklungen öffnen. So werden sich ganz neue Märkte und eine Vielzahl bislang unbekannter Beschäftigungsmöglichkeiten entwickeln.

Die optimistische Perspektive verschweigt potentielle Gefahren und Risiken der Computer- und Vernetzungstechnologie nicht, beurteilt sie jedoch im Vergleich zu den Vorteilen als marginal oder beherrschbar. Manchmal werden Risiken auch als Vorteile gedeutet. So kann Negroponte (1995, S. 249, 280) der wachsenden Zahl von technologischen Analphabeten (vor allem in den älteren Jahrgängen) durchaus etwas Positives abgewinnen. Bei ihm findet man nicht die Metapher der Schere, die immer weiter auseinander klafft, sondern die der Waage, die endlich ins Gleichgewicht kommt: Die bessere Technikkompetenz der Jüngeren erlaubt es ihnen, an den Machtprivilegien der Älteren zu partizipieren und mehr gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Strukturell ähnlich argumentiert Gates (1995, S. 377), der die Schere zwischen erster und dritter Welt durch Informatisierung sich nicht etwa weiter öffnen, sondern schließen sieht: Ohne Umweg über die Industrialisierung könnten Entwicklungsländer sofort ins Informationszeitalter eintreten und mit der ersten Welt wirtschaftlich konkurrieren. Gemäß optimistischer Perspektive fördert das Internet also nichts Geringeres als individuelle Freiheit, grenzenloses Wissen, Demokratie, Gemeinschaft, Egalität, Wirtschaftswachstum und den Weltfrieden (vgl. Dyson, Gilder, Keyworth & Toffler, 1996).

Die Technologie-Kritik kommt hier natürlich zu ganz anderen Einschätzungen. Sie bezweifelt die versprochenen positiven Effekte etwa im Bereich der Umweltschonung (z.B. Braun, 1994), misst den Gefahren weit größere Bedeutung bei und wirft der – überwiegend von weißen, akademisch gebildetenen Männern propagierten – optimistischen "kalifornischen Ideologie" Blindheit gegenüber sozialer Ungleichheit und Benachteiligung vor (Richard Barbrook & Andy Cameron, 1997; für eine Kritik an Wired siehe auch Paulina Borsook, 1996). Negativszenarien stammen z.B. von Eurich, 1983, Földy und Ringel (1993), Mettler-von Meibom (1990, 1994, 1996) und Neil Postman (1992, 1996). Sie warnen vor einer übertechnisierten Welt, in der persönliche Kontakte zunehmend durch Mensch-Maschine-Interaktionen und medial vermittelte Kommunikation ersetzt werden. Ungesunde Bildschirmarbeitsplätze, Überforderung, wachsende Arbeitslosigkeit, Überwachung des Arbeits-, Freizeit- und Konsumverhaltens sind greifbare Gefährdungen. Manipulation und Simulation treten an die Stelle eines aktiven und unmittelbaren Zugangs zur physischen Realität. Die per Netz zugänglichen, vermeintlich unerschöpflichen "Informations- und Wissensbestände" erscheinen in kritischer Perspektive eher als unüberschaubare Datenhalden voller Datenmüll, deren Inspektion weniger den persönlichen Informationsstand hebt, als vielmehr Zeitverschwendung darstellt und vom Wissenserwerb im wirklichen Leben ablenkt. Zwar mögen die Eliten ihre Machtpotentiale und ihr Wissen durch die neue Technologie erweitern – die Bevölkerungsmehrheit bleibt mangels finanzieller Ressourcen, Technikkompetenz und Anwendungsbedarf weitgehend aus dem aktiven Netzleben – und damit zunehmend auch aus dem gesellschaftlichen Leben – ausgeschlossen. Diese pessimistische Perspektive akzentuiert die Eigengesetzlichkeit technischer Entwicklung, die eben nicht darauf abziele, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen und soziale Probleme zu lösen, sondern in erster Linie durch wirtschaftliche Interessen und eine Machbarkeits-Ideologie geprägt sei – oft auf Kosten menschlicher Werte:

Entgegen den Versprechen der Digitaloptimisten fördert die Infobahn keine gemeinsamen Werte, sondern streicht die Unterschiede heraus. Sie ermöglicht es dem einzelnen, sich irgendwo auf der Erde Gleichgesinnte zu suchen und sich von allen anderen abzugrenzen. Damit kann er den meisten Problemen und Anforderungen realer Gemeinschaften aus dem Weg gehen. Zur selben Zeit lösen sich in der Informationsgesellschaft gemeinschaftsbildende Institutionen auf. Der Sozialstaat bröckelt, gemeiname Arbeitsstätten gehen verloren, ja selbst die Gemeinschaftserlebnisse, die das Massenmedium Fernsehen früher vermittelte, weichen der Differenzierung durch die digitale Technik. (Uwe Heuser, 1995, S. 54)

Nach diesem Ausflug in die Zukunftsszenarien einer Informationsgesellschaft kehren wir zur Gegenwart zurück, deren Analyse schon schwierig genug ist. Festzuhalten bleibt, dass sowohl Kritiker als auch Befürworter Vernetzung als das Thema der nächsten Jahre betrachten. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass durch die heute realisierten Computernetzwerke (insbesondere das Internet) gravierende Veränderungen in Gang gekommen sind, die sich längst nicht mehr "stoppen" oder "zurückdrehen" lassen.

Allerdings liefern sowohl die befürwortend-optimistischen als auch die kritisch-pessimistischen Beiträge häufig sehr eindimensionale Analysen, die unterschiedliche soziale Kontexte des Netzgebrauchs kaum differenzieren und zudem die vielfältigen Muster der Internet-Nutzung gar nicht in Rechnung stellen, sondern stattdessen mit Schlagworten operieren: Die Versprechung "grenzenlosen Wissens" ist ebenso fragwürdig wie die Prognose eines kollektiven "Ertrinkens in der Datenflut". Welche Bedeutungen die im Netz transportierten Bits und Bytes für welche Personen erlangen, unter welchen Bedingungen also Daten zu bedeutungsvollen Informationen werden, die letztlich auch einen Zugewinn an Wissen oder gar Weisheit bedeuten, ist eine theoretisch und empirisch interessante Frage, zu der es wohl keine pauschale Antwort geben wird. Aus der Vielzahl der wirtschaftlichen, juristischen, politischen und sozialen Fragen, die mit der aktuellen gesellschaftlichen Transformation verbunden sind, wird in dieser Arbeit in erster Linie der private, zwischenmenschliche Bereich herausgegriffen. Da das Internet das weltweit größte öffentliche Computernetz ist, haben Erkenntnisse über die sozialpsychologischen Implikationen seines Gebrauchs besonders großen praktischen Stellenwert – zudem lassen sie sich in großen Teilen auch auf andere Computernetze übertragen.

 

 


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1. Juni 1999, letzte Änderung: 3. Juni 1999