| 1 Kennzeichen des
Internet
Das Internet ist ein Computernetzwerk unter
vielen. Welche Besonderheiten es aufweist und inwiefern es sich als "Netz der
Netze" von allen anderen Computernetzen gravierend unterscheidet, ist Thema dieses
Kapitels. Die mittlerweile recht oft referierten historischen und technischen Kennzeichen
des Internet werden hier explizit aus sozialer Perspektive betrachtet. In Kap.
1.1 geht es zunächst um die Entstehung und Definition des Internet. Kap.
1.2 beschreibt die Zugangswege zum Internet und geht auch auf Zugangsbarrieren
ein. Kap. 1.3 erläutert die soziotechnischen Unterschiede zwischen
Internet, Online-Diensten und Mailbox-Netzen. Kap.
1.4 beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Internet vor dem
Hintergrund zunehmender Informatisierung und Individualisierung. Kap. 1.5 liefert eine kurze
Zusammenfassung.
1.1 Entstehung und Definition des
Internet
1.2 Zugang zum Internet
1.3 Internet, Online-Dienste und Mailbox-Netze
1.4 Gesellschaftliche Bedeutung des Internet
1.5 Zusammenfassung
1.4 Gesellschaftliche Bedeutung des Internet
Das Internet hat seit 1993 eine enorme kulturelle
Präsenz gewonnen. Fernsehen, Tageszeitungen und
Zeitschriften berichten mittlerweile regelmäßig über das "Surfen auf
der Datenautobahn" (kritisch zu dieser Internet-Metapher siehe Canzler, Helmers &
Hoffmann, 1995; zu "Datenmeer" versus "Datenautobahn" siehe auch
Bickenbach & Maye, 1997) und beenden ihre Beiträge routinemäßig mit der Nennung von
Email- und WWW-Adressen. In den USA wird kaum noch ein Werbespot im Fernsehen
ausgestrahlt, der keine WWW-Adresse zeigt. Tageszeitungen und Magazine wie Die Zeit, Die Welt oder Der Spiegel publizieren Online-Versionen im
Internet und haben regelmäßige Computer- und Internet-Seiten in ihre Papier-Versionen
aufgenommen. Mit seiner Popularisierung wird das Internet zunehmend auch für Wirtschaftsunternehmen interessant: Denn im Netz kann man
Werbung platzieren, Bestellservice und Beratung anbieten, Stellenausschreibungen
verbreiten und Kundenkontakte herstellen. In Deutschland bieten seit 1995 alle großen
politischen Parteien sowie Bundestag und Bundesregierung eigene WWW-Seiten an (z.B.
http://www.bundestag.de/).
Diverse Abgeordnete verfügen mittlerweile über Email-Adressen und einige
beantworten Bürger-Anfragen sogar. 1996 startete die Bundesinitiative "Schulen ans
Netz" (SaN: http://www.san-ev.de/),
die binnen drei Jahren die Internet-Anbindung von 10.000 allgemeinbildenden
Schulen zum Ziel hat (ohne allerdings eine langfristige Übernahme der
Online-Kosten sicherzustellen). Im wissenschaftlichen Bereich spielen
Fachzeitschriften, die nur im Internet erscheinen, eine immer größere Rolle.
Diese Beispiele sollen illustrieren, dass das Internet
potentiell in allen gesellschaftlichen Bereichen von Bedeutung ist. Als vorübergehende
Mode-Erscheinung kann die aktuelle Internet-Begeisterung (internet
hype) also nicht abgetan werden. Vielmehr herrscht in Politik, Wirtschaft und
Wissenschaft weitgehende Einigkeit darüber, dass Vernetzung mit einem tiefgreifenden
strukturellen Wandel unserer Gesellschaft einhergeht. Die Transformation der modernen
Industriegesellschaften in sogenannte Informationsgesellschaften bzw. postmoderne
Gesellschaften ist bereits seit den 70er Jahren in der Diskussion (vgl. Bernhardt &
Ruhmann, 1995; für eine Differenzierung unterschiedlicher Konzepte der
Informationsgesellschaft siehe Martin Löffelholz & Klaus-Dieter Altmeppen, 1994). Unter Informationsgesellschaft
wird dabei in meist eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform verstanden, in der der
produktive Umgang mit der Ressource Information und die wissensintensive Produktion eine
herausragende Rolle spielen (Bundesministerium für
Wirtschaft, 1996).
Parallel zur Informatisierung der Gesellschaft wird in
den Sozialwissenschaften übereinstimmend eine Individualisierung
bzw. Pluralisierung der Lebensmodelle konstatiert.
Gestiegener Wohlstand, erhöhtes Bildungsniveau, verbesserte Familienplanung und
gesteigerte Frauenerwerbsarbeit sind Faktoren, die dazu beitragen, dass vormals
alternativlose Lebensmodelle plötzlich disponibel geworden sind. Dementsprechend können
bzw. müssen wir uns immer öfter auf uns selbst verlassen, wenn wir uns für oder gegen
bestimmte Beziehungs- und Familienformen, Ausbildungswege und Berufsfelder,
Glaubenssysteme oder Gruppenzugehörigkeiten entscheiden. Insgesamt entsteht dadurch ein
vielfältigeres Bild an Lebensmodellen (zur Individualisierungs-Debatte siehe z.B. Ulrich Beck
& Elisabeth Beck-Gernsheim, 1994;
Hradil, 1995; Helmut Klages, 1993). Während einige
Stimmen diese Entwicklung sehr kritisch beurteilen im Sinne wachsender
Orientierungslosigkeit, Überforderung, Wertezerfall und Gesellschafts-Zersplitterung,
interpretieren andere diese neu gewonnene Vielfalt positiv als Überwindung eines im
Grunde menschenfeindlichen Zwangs zur Einheitlichkeit. Die letztgenannte Position der
positiven Würdigung von Pluralität (im Unterschied zum Glauben an universale Modelle und
den "one best way") wird üblicherweise als "postmodern" etikettiert.
Postmoderne Theorien
gehen davon aus, dass es die einzig wahre Form zu leben und zu denken nicht gibt, sondern
dass unterschiedliche Lebensmodelle, Wirklichkeitskonstruktionen und Theorien
nebeneinander bestehen und dass eine Integration durch Anerkennung dieser Vielfalt und
nicht durch "Einschwören" auf einen gemeinsamen universellen Glaubenssatz, Wert
oder Konsens erreicht werden kann bzw. soll. Während postmoderne Theorien die Moderne als
"totalitär" kritisieren, wird postmodernes Denken sehr häufig mit dem Vorwurf
der Beliebigkeit ("anything goes") belegt was die postmoderne Seite
wiederum als Missverständnis zurückweist (z.B. Wolfgang Welsch,
1993, S. 2ff.).
Sowohl Informatisierung
als auch Individualisierung sind momentan in der
breiten Öffentlichkeit und in den Sozialwissenschaften wichtige Themen. Dementsprechend
ist es kein Wunder, dass Einschätzungen über die gesellschaftliche Bedeutung des
Internet häufig unter Rückgriff auf diese beiden Konzepte bzw. Diskurse vorgenommen
werden: Mal erscheint die "Datenautobahn" als Grundpfeiler einer prosperierenden
Informationswirtschaft, dann wieder werden Globalisierung und fortschreitende
Informatisierung als Bedrohung für nationale Wirtschaften und insbesondere ihre
Arbeitsmärkte betrachtet. Mal wird der Cyberspace als fiktive Scheinwelt kritisiert, in
die sich der desorientierte, bindungslose moderne Mensch flüchtet und seinen ohnehin
übersteigerten Individualismus kultiviert, dann wieder wird die Vielfalt der Kontakt- und
Entfaltungsmöglichkeiten im Netz als Übungs- und Darstellungsfeld unterschiedlicher
Identitäten gewürdigt und die medienbedingte Auflösung herkömmlicher Vorstellungen vom
"Realen" und "Simulierten" als instruktiv und sozial bereichernd
begrüßt.
Da man bei solchen pauschalen Evaluationen (unter
Vernachlässigung des jeweiligen Kontextes oder Anwendungsfalles) schnell in dichotomes
Argumentieren verfällt, ist es hilfreich, sich immer wieder vor Augen zu führen, worauf
wir im Folgenden noch oft zurückkommen werden: "Das Netz
ist nicht Entweder-Oder, sondern Und-Und-Und" (Schmundt, 1996, S. 139). In
der Auseinandersetzung mit Technologien spielen Zukunftsperspektiven eine wichtige
Rolle. Ein sehr bekanntes Forum für optimistische bis enthusiastische
Beiträge über die Informationsgesellschaft und ihre Zukunft ist das Magazin Wired
(mit Postadresse in San Francisco; http://www.wired.com/),
das sich auch durch sein Design betont avangardistisch präsentiert. Positive
Darstellungen von Gegenwart und Zukunft der Informationsgesellschaft findet man außerdem
bei Brauner und Bickmann (1994), Esther Dyson
(1997), Bill Gates (1995), Nicholas Negroponte
(1995) und Toffler (1980). Alle charakterisieren ihre Grundhaltung explizit als
"optimistisch". Und so beschreibt Gates (1995, S. 360) eine Utopie, in der sich
Individualisierung und Informatisierung ausgezeichnet ergänzen:
Die Informationstechnik wird uns mehr Freizeit bringen und
den Horizont unserer kulturellen Aktvitäten erweitern, weil sie für eine bessere
Informationsverteilung sorgen wird. Die Ballungszentren werden entlastet, weil es den
Menschen ermöglicht wird, ihrer Arbeit zu Hause oder am Stadtrand oder in außerhalb
gelegenen Büros nachzugehen. Und auch die natürlichen Ressourcen werden geschont, weil
man immer mehr Produkte in Form von Bits statt wie bisher als fabrikgefertigte Waren
anbieten wird. Dank der neuen Technologie werden wir besser in der Lage sein, unser Leben
selbst zu gestalten; sie wird uns Erfahrungen und Produkte liefern, die speziell auf
unsere Interessen und Bedürfnisse zugeschnitten sind. Den Mitgliedern der
Informationsgesellschaft werden sich ganz neue Wege zu Produktivität, Lernen und
Unterhaltung erschließen. Wirtschaftliche Erfolge winken Staaten, die sich mutig und in
Abstimmung mit anderen Nationen für die neuen Entwicklungen öffnen. So werden sich ganz
neue Märkte und eine Vielzahl bislang unbekannter Beschäftigungsmöglichkeiten
entwickeln.
Die optimistische Perspektive
verschweigt potentielle Gefahren und Risiken der Computer- und Vernetzungstechnologie
nicht, beurteilt sie jedoch im Vergleich zu den Vorteilen als marginal oder beherrschbar.
Manchmal werden Risiken auch als Vorteile gedeutet. So kann Negroponte (1995, S. 249, 280) der wachsenden Zahl von technologischen Analphabeten
(vor allem in den älteren Jahrgängen) durchaus etwas Positives abgewinnen. Bei ihm
findet man nicht die Metapher der Schere, die immer weiter auseinander klafft, sondern die
der Waage, die endlich ins Gleichgewicht kommt: Die bessere Technikkompetenz der Jüngeren
erlaubt es ihnen, an den Machtprivilegien der Älteren zu partizipieren und mehr
gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Strukturell ähnlich argumentiert Gates (1995, S. 377), der die Schere zwischen erster und dritter Welt durch
Informatisierung sich nicht etwa weiter öffnen, sondern schließen sieht: Ohne Umweg
über die Industrialisierung könnten Entwicklungsländer sofort ins Informationszeitalter
eintreten und mit der ersten Welt wirtschaftlich konkurrieren. Gemäß optimistischer
Perspektive fördert das Internet also nichts Geringeres als individuelle Freiheit,
grenzenloses Wissen, Demokratie, Gemeinschaft, Egalität, Wirtschaftswachstum und den
Weltfrieden (vgl. Dyson, Gilder, Keyworth & Toffler, 1996).
Die Technologie-Kritik
kommt hier natürlich zu ganz anderen Einschätzungen. Sie bezweifelt die versprochenen
positiven Effekte etwa im Bereich der Umweltschonung (z.B. Braun, 1994), misst den
Gefahren weit größere Bedeutung bei und wirft der überwiegend von weißen,
akademisch gebildetenen Männern propagierten optimistischen "kalifornischen
Ideologie" Blindheit gegenüber sozialer Ungleichheit und Benachteiligung vor
(Richard Barbrook & Andy Cameron, 1997; für eine Kritik an Wired siehe auch Paulina Borsook, 1996). Negativszenarien stammen z.B. von Eurich, 1983, Földy und Ringel
(1993), Mettler-von Meibom (1990, 1994, 1996) und Neil Postman (1992, 1996). Sie
warnen vor einer übertechnisierten Welt, in der persönliche Kontakte zunehmend durch
Mensch-Maschine-Interaktionen und medial vermittelte Kommunikation ersetzt werden.
Ungesunde Bildschirmarbeitsplätze, Überforderung, wachsende Arbeitslosigkeit,
Überwachung des Arbeits-, Freizeit- und Konsumverhaltens sind greifbare Gefährdungen.
Manipulation und Simulation treten an die Stelle eines aktiven und unmittelbaren Zugangs
zur physischen Realität. Die per Netz zugänglichen, vermeintlich unerschöpflichen
"Informations- und Wissensbestände" erscheinen in kritischer Perspektive eher
als unüberschaubare Datenhalden voller Datenmüll, deren Inspektion weniger den
persönlichen Informationsstand hebt, als vielmehr Zeitverschwendung darstellt und vom
Wissenserwerb im wirklichen Leben ablenkt. Zwar mögen die Eliten ihre Machtpotentiale und
ihr Wissen durch die neue Technologie erweitern die Bevölkerungsmehrheit bleibt
mangels finanzieller Ressourcen, Technikkompetenz und Anwendungsbedarf weitgehend aus dem
aktiven Netzleben und damit zunehmend auch aus dem gesellschaftlichen Leben
ausgeschlossen. Diese pessimistische Perspektive akzentuiert die Eigengesetzlichkeit
technischer Entwicklung, die eben nicht darauf abziele, menschliche Bedürfnisse zu
befriedigen und soziale Probleme zu lösen, sondern in erster Linie durch wirtschaftliche
Interessen und eine Machbarkeits-Ideologie geprägt sei oft auf Kosten
menschlicher Werte:
Entgegen den Versprechen der Digitaloptimisten fördert die
Infobahn keine gemeinsamen Werte, sondern streicht die Unterschiede heraus. Sie
ermöglicht es dem einzelnen, sich irgendwo auf der Erde Gleichgesinnte zu suchen und sich
von allen anderen abzugrenzen. Damit kann er den meisten Problemen und Anforderungen
realer Gemeinschaften aus dem Weg gehen. Zur selben Zeit lösen sich in der
Informationsgesellschaft gemeinschaftsbildende Institutionen auf. Der Sozialstaat
bröckelt, gemeiname Arbeitsstätten gehen verloren, ja selbst die
Gemeinschaftserlebnisse, die das Massenmedium Fernsehen früher vermittelte, weichen der
Differenzierung durch die digitale Technik. (Uwe Heuser,
1995, S. 54)
Nach diesem Ausflug in die Zukunftsszenarien
einer Informationsgesellschaft kehren wir zur Gegenwart
zurück, deren Analyse schon schwierig genug ist. Festzuhalten bleibt, dass
sowohl Kritiker als auch Befürworter Vernetzung als das Thema der nächsten Jahre
betrachten. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass durch die heute realisierten
Computernetzwerke (insbesondere das Internet) gravierende Veränderungen in Gang gekommen
sind, die sich längst nicht mehr "stoppen" oder "zurückdrehen"
lassen.
Allerdings liefern sowohl die befürwortend-optimistischen
als auch die kritisch-pessimistischen Beiträge häufig sehr eindimensionale Analysen, die
unterschiedliche soziale Kontexte des Netzgebrauchs kaum differenzieren und zudem die
vielfältigen Muster der Internet-Nutzung gar nicht in Rechnung stellen, sondern
stattdessen mit Schlagworten operieren: Die Versprechung "grenzenlosen Wissens"
ist ebenso fragwürdig wie die Prognose eines kollektiven "Ertrinkens in der
Datenflut". Welche Bedeutungen die im Netz transportierten Bits und Bytes für welche
Personen erlangen, unter welchen Bedingungen also Daten
zu bedeutungsvollen Informationen werden, die
letztlich auch einen Zugewinn an Wissen oder gar Weisheit bedeuten, ist eine theoretisch und empirisch
interessante Frage, zu der es wohl keine pauschale Antwort geben wird. Aus der Vielzahl
der wirtschaftlichen, juristischen, politischen und sozialen Fragen, die mit der aktuellen
gesellschaftlichen Transformation verbunden sind, wird in dieser Arbeit in erster Linie
der private, zwischenmenschliche Bereich
herausgegriffen. Da das Internet das weltweit größte öffentliche Computernetz ist,
haben Erkenntnisse über die sozialpsychologischen Implikationen seines Gebrauchs
besonders großen praktischen Stellenwert zudem lassen sie sich in großen Teilen
auch auf andere Computernetze übertragen.
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