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Die Internet-Population und ihre Nutzungsmuster
Zur Beschreibung des Internet
gehört eine Charakterisierung der Internet-Population und ihrer Nutzungsmuster.
Schließlich sind kommunikative Besonderheiten im Netz nicht nur auf technische
Systemmerkmale, sondern auch auf die von den jeweiligen Nutzerinnen und Nutzern
entwickelten unterschiedlichen Gebrauchsweisen zurückzuführen. In Kap. 4.1
geht es um die Größe, in Kap. 4.2 um die Soziodemografie der globalen
Internet-Population. Kap. 4.3 konzentriert sich auf die bundesdeutsche
Teilpopulation der "Internet-Gemeinde". Nachdem wir erfahren haben, wer die
Nutzer und Nutzerinnen sind, betrachten wir ihre Nutzungsgewohnheiten. Netznutzung ist ein
in quantitativer und qualitativer Hinsicht äußerst vielschichtiges Konzept. Wie viel
Zeit nimmt Internet-Nutzung in Anspruch (Kap. 4.4)? Welche
Internet-Dienste werden bevorzugt eingesetzt (Kap. 4.5)? Welche Inhalte
stoßen auf besonderes Interesse (Kap. 4.6)? Welchen Stellenwert nehmen speziell die
vieldiskutierten sexualbezogenen Netzangebote ein (Kap. 4.7)? Die Beantwortung und Diskussion dieser Fragen
mündet schließlich in eine kurze Zusammenfassung (Kap. 4.8).
4.1 Größe der globalen
Internet-Population
4.2 Soziodemografie der globalen Internet-Population
4.3 Bundesdeutsche Internet-Population
4.4 Zeitbudget für Internet-Nutzung
4.5 Dienste der Internet-Nutzung
4.6 Ziele und Inhalte der Internet-Nutzung
4.7 Popularität
sexualbezogener Internet-Inhalte
4.8 Zusammenfassung
4.7 Popularität sexualbezogener Internet-Inhalte
Nachdem bis hierher schon klargeworden ist, wie wenig Details
uns eigentlich über die Nutzungsmuster der Internet-Population bekannt sind, wollen wir
abschließend noch erkunden, wie die verbreitete Behauptung "Sex ist das Thema Nr. 1
im Netz" zu beurteilen ist. Die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser
scheinbar abseitigen Fragestellung ist aus mindestens zwei Gründen wünschenswert: Zum
einen geht es um die Erkundung eines neuen Ausdrucksfeldes sexueller Kultur, zum anderen
um einen Themenkomplex von hoher politischer Brisanz. Denn wenn Kontroll- und
Zensurmaßnahmen im Netz gefordert werden, beruft man sich in erster Linie auf Umfang und
Gefährlichkeit sexualbezogener Netzangebote.
Um die Popularität sexualbezogener Internet-Inhalte
abzuschätzen, gibt es eine Reihe von Herangehensweisen: Zunächst einmal kann man
versuchen, die Menge der im Netz verfügbaren sexualbezogenen Texte, Bilder und sonstigen
Angebote zu quantifizieren. Auf qualitativer Ebene lässt sich fragen, welche spezifischen
inhaltlichen oder formalen Merkmale die verfügbaren sexualbezogenen Netzinhalte
aufweisen. Schließlich ist dem Angebot die Nachfrage gegenüberzustellen. Hier lässt sich auf
quantitativer Ebene beschreiben, welcher Anteil der von einer Person abgerufenen
Netzinhalte dem sexuellen Bereich zuzuordnen ist. Auf qualitativer Ebene ginge es um
inhaltliche oder formale Präferenzen von Nutzerinnen und Nutzern. In Abhängigkeit davon,
ob man quantitative oder qualitative Aussagen über Angebot oder Nachfrage treffen will
und inwieweit man sich dabei auf einzelne Netzdienste oder spezielle Angebotsformen
konzentriert, sind differentielle Erhebungsmethoden zu wählen.
Im Folgenden sollen einige empirische Evidenzen zu sexualbezogenen WWW- und Newsgroup-Angeboten berichtet und
diskutiert werden. Ausgeblendet bleiben bei dieser in erster Linie auf Erotika und
Pornografie fokussierten Betrachtung der sexuelle
Meinungs- und Erfahrungsaustausch sowie der zwischenmenschliche erotisch-sexuelle Kontakt im Netz (vgl.
Döring, 1998a, 1998b).
Wir behandeln zunächst die sexualbezogenen Angebote im WWW und in Newsgroups (Abschnitt 4.7.1),
kommen dann zur Nachfrage (Abschnitt 4.7.2)
und streifen schließlich auch die politische Dimension des Internet-Porno-Diskurses
(Abschnitt 4.7.3),
in dem Spekulationen über die Angebots- und Nachfragestruktur eine entscheidende
Rolle spielen.
4.7.1 Sexualbezogene Angebote im WWW und in Newsgroups
Da bereits Mitte 1998 die Zahl der öffentlich zugänglichen
WWW-Seiten auf 320 Millionen beziffert wurde und bei Suchmaschinen nur ca. 30% von ihnen
registriert sind (News-Journal Online, 1998), ist es unmöglich, zuverlässige Angaben
über Quantität oder Qualität sexualbezogener WWW-Angebote zu machen. Alarmierende
Behauptungen, denengemäß "90%" der WWW-Inhalte sexualbezogen seien, sind
ebenso haltlos wie beschwichtigende Behauptungen, die von "maximal 5%"
Sex-Angeboten sprechen.
Um nicht in reiner Spekulation zu verharren, sondern
zumindest partiell verfügbare Empirie einzubeziehen, bietet es sich an, Suchmaschinen als Informationsquellen zu nutzen. So kann
man zum Beispiel betrachten, wie viele WWW-Seiten zu verschiedenen Stichworten gefunden
werden und dabei sexualbezogene Angebote mit anderen Themenbereichen vergleichen. Dabei
zeigt sich, dass WWW-Seiten, in denen der Begriff "Sex" vorkommt, weder
auffallend zahlreich, noch besonders spärlich vertreten sind:
Anzahl der gefundenen WWW-Seiten
zu verschiedenen Stichworten (20. Januar 1999)
Stichwort |
Suchmaschine
AltaVista |
Suchmaschine
HotBot |
Arts |
10.298.655 |
2.555.678 |
Computer |
30.364.562 |
6.898.509 |
Education |
27.157.588 |
5.676.321 |
| Money |
09.025.430 |
3.969.264 |
| Music |
21.521.650 |
4.385.328 |
| Politics |
02.730.602 |
1.233.903 |
| School |
29.400.743 |
5.859.866 |
| Sex |
10.321.626 |
3.315.721 |
Es existieren rund 60.000 Newsgroups weltweit,
von denen jedoch nur ca. 16.000 international propagiert werden und zum Angebot üblicher
Newsserver gehören (vgl. Kap. 2.4.2). Rund 400 Newsgroups befassen sich gelegentlich oder
primär mit sexualbezogenen Themen, also z.B. mit Sexualaufklärung, Coming-Out-Fragen
oder der Bewältigung sexueller Übergriffe. Von diesen 400 sexualbezogenen Newsgroups
enthalten 60 regelmäßig sexuelles Bildmaterial (vgl. Schetsche, 1997, S. 236) das
sind weit weniger als 1% der international relevanten Gruppen. Sichtet man die 25
Newsgroups mit dem höchsten Artikelaufkommen, ergibt sich folgendes Bild:
Top 25 Newsgroups mit dem höchsten
Artikel-Aufkommen
im Juni 1997 (Quelle: <de.admin.lists>)
| Newsgroup |
Postings |
KBytes |
Anteil |
| |
| 1. misc.jobs.offered |
138.256 |
290.278 |
1.63% |
| 2. biz.jobs.offered |
95.016 |
208.781 |
1.18% |
| 3. misc.jobs.contract |
31.633 |
56.307 |
0.32% |
| 4. alt.sex |
20.619 |
147.851 |
0.83% |
| 5.
alt.binaries.pictures.erotica |
20.344 |
442.834 |
2.49% |
| 6. alt.gothic |
18.574 |
32.316 |
0.18% |
| 7.
rec.collecting.sport.baseball |
17.271 |
39.218 |
0.22% |
| 8.
alt.sex.erotica.marketplace |
15.577 |
74.636 |
0.42% |
| 9.
rec.collecting.sport.basketball |
12.052 |
22.091 |
0.12% |
| 10. rec.sport.pro-wrestling |
11.765 |
19.459 |
0.11% |
| 11.
alt.sex.masturbation |
11.491 |
48.737 |
0.27% |
| 12. alt.test |
11.486 |
273.119 |
1.54% |
| 13. rec.collecting.sport.hockey |
11.374 |
21.251 |
0.12% |
| 14.
alt.sex.stories |
11.273 |
57.325 |
0.32% |
| 15.
alt.binaries.pictures.erotica.amateur.female |
11.211 |
173.920 |
0.98% |
| 16.
alt.sex.exhibitionism |
10.856 |
70.672 |
0.40% |
| 17.
alt.sex.bondage |
10.615 |
27.204 |
0.15% |
| 18.
alt.sex.movies |
10.489 |
22.838 |
0.13% |
| 19.
alt.sex.fetish.orientals |
10.324 |
25.111 |
0.14% |
| 20.
alt.sex.fetish.feet |
9.891 |
76.314 |
0.43% |
| 21.
alt.sex.voyeurism |
9.849 |
58.221 |
0.33% |
| 22. rec.collecting.sport.football |
9.682 |
21.499 |
0.12% |
| 23. news.admin.net-abuse.email |
9.519 |
23.327 |
0.13% |
| 24.
alt.sex.services |
9.161 |
22.512 |
0.13% |
| 25. alt.support.depression |
9.038 |
16.569 |
0.09% |
| |
Summe der
25 Newsgroups
mit den meisten Artikeln |
537.366
(11,29%) |
2.272.390
(12,79%) |
12,78% |
| Summe aller Newsgroups |
4.759.204 |
17.766.342 |
100% |
Unter den 25 artikelstärksten Newsgroups sind
13 sexualbezogen, während die 12 übrigen nicht-sexuellen
Gruppen sich unter anderem mit Stellenangeboten, Sportthemen und Selbsthilfe
beschäftigen. Die starke Präsenz der <alt.sex.*>-Subhierarchie ist jedoch insofern
inhaltlich zu relativieren, als gerade die hier aufgelisteten Newsgroups fast nur Werbe-Beiträge enthalten, die auf kommerzielle Telefon-
oder WWW-Angebote hinweisen und von Firmen in großer Menge (oftmals als Spam oder Yello,
vgl. Kap. 2.4.3) verschickt werden.
Auf der Basis der hier genutzten quantitativen
Evidenzen lässt sich also sowohl für das WWW als auch für die Newsgroups
festhalten, dass sexualbezogene Angebote zwar nennenswert vertreten sind, aber keinesfalls
gegenüber anderen Inhalten besonders dominieren.
Qualitativ sind bei den
erotisch-pornografischen Darstellungen in Newsgroups und im WWW Bilder und Geschichten zu
unterscheiden. Bei dem Bildmaterial handelt
es sich in erster Linie um Zweitverwertungen aus herkömmlichen Medien (z.B. Fotos, die
aus Magazinen eingescannt wurden). Eigenproduktionen kommen seltener vor. Michael Schetsche (1997) entnahm binnen
vier Monaten diversen Newsgroups und WWW-Seiten systematisch ein möglichst breites
Spektrum an sexualbezogenen Bildern (n=1.082). Etwa die Hälfte der Bilder ließ sich als Pornografie gemäß § 184, 1 StGB klassifizieren (z.B.
Koitusdarstellung mit sichtbaren Genitalien), die andere Hälfte als Erotika (z.B.
unbekleidete Frau mit verdecktem Genital).
Sogenannte harte Pornografie
gemäß §184, 3 StGB (also die Abbildung realer sexueller Handlungen mit Tieren, Kindern
oder unter Gewaltausübung) war dagegen kaum vertreten. Unter den 1.082 Bildern fanden
sich 3, die eindeutig Kinder in sexuellen Interaktionen untereinander oder mit Erwachsenen
zeigten. Mehta und Plaza (1997, S. 64) entnahmen aus 17 sexualbezogenen Newsgroups eine
Zufallsauswahl von n=150 Bildern und fanden darunter kein einziges, das Kinder in
sexuellen Interaktionen untereinander oder mit Erwachsenen zeigte. Dietz-Lenssen (1997)
fand bei einer gezielten Recherche nach kinderpornografischen Angeboten im WWW kein
einziges Bild und traf selbst in einschlägigen Newgroups (die nur über spezielle Server
zugänglich sind) lediglich sehr vereinzelt auf entsprechendes Material. Die von
alarmierten Medienberichten erzeugte Vorstellung, im Internet sei harte Pornografie (und
insbesondere Kinderpornografie) stark repräsentiert, ist unzutreffend man muss
schon lange suchen, um das sehr vereinzelt und illegal publizierte
Material überhaupt zu finden. Zudem kann natürlich per privatem
Austausch im Netz genau wie per Telefon oder Briefpost Materialaustausch organisiert
werden sofern die Beteiligten bereits entsprechende Intentionen und Materialien
mitbringen. Generell scheinen im Netz genau wie in den Printmedien unter dem Schlagwort
"Teen" Bilder öffentlich verbreitet zu
werden, die entweder Kinder im nicht-sexuellen Kontext oder (sehr jung aussehende)
Erwachsene im sexuellen Kontext zeigen und somit auf Seiten der Produktion
keinerlei unmittelbaren sexuellen Missbrauch an Kindern implizieren.
Die wenigen Inhaltsanalysen, die sich bislang mit
sexualbezogenem Material beschäftigen, kreisen um die Frage, ob es im Netz tatsächlich
"so schlimm" ist, wie Außenstehende oft befürchten. Dieser
inhaltlich-politische Fokus hat es bislang wohl verhindert, das gesamte Spektrum sexualbezogener Angebote im Internet genauer zu
beleuchten. So stellen ja insbesondere die vielen Eigenproduktionen im Bereich der Bilder
und vor allem der Geschichten ein genuin neues (in
der Regel kostenloses) sexualbezogenes Angebot für die Öffentlichkeit dar und sind
Ausdruck aktiver Partizipation an sexueller Kultur.
4.7.2 Sexualbezogene Nachfrage im WWW und in Newsgroups
Um die Nachfrage nach sexualbezogenen Inhalten im Netz
quantitativ und qualitativ zu beschreiben, kann man einerseits auf subjektive Daten
zurückgreifen (z.B. schriftliche oder mündliche Befragung zum Nutzungsverhalten; siehe
Kap. 5.2 und Kap. 5.3), andererseits aber auch objektive Verfahren nutzen (z.B. server-
oder clientseitige automatische Protokollierung des Nutzungsverhaltens; siehe Kap. 5.1.3).
Selbstauskünfte mögen
aufgrund sozial erwünschten Antwortens (insbesondere Abwehr des Vorurteils von
"Netzen als Schmuddelmedien") das "wahre" Interesse an sexualbezogenen
Netzinhalten unterschätzen. Angesichts der Tatsache, dass 22% der Männer und 7% der
Frauen Ende der 80er Jahre in der alten Bundesrepublik berichteten, mindestens einmal pro
Woche erotisches oder pornografisches Bildmaterial zu rezipieren und immerhin 44% der
Männer und 26% der Frauen mindestens einmal pro Monat auf entsprechendes Material
zurückgriffen (Ertel, 1990, S. 68) verwundert es schon, dass nur 1%
der von Weinreich (1997) und nur 8% der von Wetzstein, Dahm, Steinmetz, Lentes, Schampaul
und Eckert (1995) befragten Nutzer und Nutzerinnen von Mailboxen großes Interesse
an sexualbezogenen Netzinhalten bekundeten. Allerdings ist zu beachten, dass in beiden
Studien, die Item-Schwierigkeit durch die recht extreme Antwortformulierung ("lese
fast immer", "hohes Interesse") stark erhöht war und somit gemäßigtes,
aber ggf. vorhandenes Interesse nicht erfasst werden konnte. Aufschlussreicher ist
deswegen die Studie InternetTrak
Q2 (1998, lokale Kopie: trak.htm).
Diese Studie basiert auf je einem bundesdeutschen und einem us-amerikanischen
Repräsentativ-Sample und berichtet, dass in Deutschland 31% und in den USA 19% der
WWW-Nutzer und -Nutzerinnen Erotik-Angebote in Anspruch nehmen. Die quantitative
Verbreitung dieses thematischen Interesses bleibt jedoch hinter
"Informationssuche" (D: 83%, USA: 89%), "Produktinformationen" (D:
83%, USA: 79%) oder "Nachrichten/Wetter" (D: 64%, USA: 67%) weit zurück. In
einer us-amerikanischen WWW-Fragebogen-Studie (Cooper, Scherer, Boies und Gordon,
1999, lokale Kopie: cooper.htm) stellte
sich heraus, dass 70% der Befragten vor ihren Mitmenschen verheimlichen, wie oft sie sich
tatsächlich mit sexueller Motivation ins Netz begeben. Dabei wird der sexualbezogene
Netz-Gebrauch als solcher von der überwältigenden Mehrheit als anregend und befriedigend
empfunden. Nur bei einer Minderheit von 8% der Befragten zeigte sich eine von
psychosozialen Beeinträchtigungen begleitete Exzessiv-Nutzung, was in etwa dem
Anteil in der Gesamtbevölkerung entspricht, der umgangssprachlich als
"sexsüchtig" oder "pornografiesüchtig" bezeichnet wird bzw. sich
selbst so bezeichnet.
Nutzerinnen und Nutzer von Computernetzwerken hinterlassen
sowohl auf ihren lokalen Rechnern als auch auf entfernten Servern diverse Spuren ihres
Nutzungsverhaltens, so dass nonreaktive und objektive Messungen
möglich sind. So werden beispielsweise die Suchanfragen, die bei Suchmaschinen eingehen,
automatisch registriert. Die Suchmaschine Fireball
bietet unter dem Menüpunkt "Live
Suche" die Möglichkeit, sich anzeigen zu lassen, welche Suchbegriffe aktuell gerade angefragt werden. Diese alle
30 Sekunden aktualisierte Anzeige enthält häufig auch sexualbezogene
Begriffe oder Begriffskombinationen, ohne dass ihr Anteil dominant wäre:
Aktuell angefragte Suchbegriffe in
der Suchmaschine Fireball
(Quelle: "Live
Suche" in Fireball)
Freitag, 22.
Janur 1999
(20 Uhr) |
Freitag, 22.
Januar 1999
(21 Uhr) |
| gnadenhof |
MS Astor |
| Viva hits |
Fischbachau |
| high heels |
New york philharmonic |
| handy |
TWIST.QT |
| www.mandala.de |
+probleme +t online +Internet
explorer |
| +Siegessäule +Berlin |
banshee |
| F Zero X |
sven kückelhaus |
| Maklerkostenabzug |
t-q |
| internetprovider |
ada |
| pornobilder |
tomb raider II |
| sex |
Tenefiffa+Hotel |
| +"kati
+witt +nackt" |
+Kfz +behindert +Umbau |
| voyeur |
mallorca reisen |
| harman/kardon |
Fiat Ulysse |
| sex |
geschirr |
| fanatic +surf +falcon |
nintendo |
| +ictsoftware |
"Chronik Verlag" |
| nais |
gebrauchtwagen |
| Entwicklung des Euro |
3dfx |
| (Titten) AND
(domain:de) |
uncut |
Neben einer solchen Augenscheinprüfung (siehe
z.B. auch Real Time Searches
von Magellan) kann eine systematische Inhaltsanalyse der Suchbegriffe Hinweise auf die
relative Popularität verschiedener Themengebiete liefern. Der Suchdienst MetaCrawler durchsucht parallel die
sechs Suchmaschinen Galaxy, InfoSeek, Lycos, Open Text, WebCrawler und Yahoo. Sämtliche
Anfragen, die MetaCrawler zwischen dem 7. Juli und 30. September 1995 bearbeitete
(n=50.878), wurden auf Gleichheit überprüft (Selberg & Etzioni, 1995,
lokale Kopie: selberg.htm). Auf diese Weise
konnten die 10 am häufigsten abgefragen Suchbegriffe identifiziert werden. Sie sind
allesamt sexualbezogen:
Die häufigsten Suchbegriffe in
MetaCrawler
(7.7.-30.9.1995) (Quelle: Selberg
& Etzioni, 1995, Tab. 1)
| Suchbegriffe |
Zahl der Anfragen |
Prozent |
| 1.
sex |
533 |
1,0 |
| 2.
erotica |
219 |
0,4 |
| 3.
nude |
217 |
0,4 |
| 4.
porn |
158 |
0,3 |
| 5.
penthouse |
127 |
0,2 |
| 6.
pornography |
112 |
0,2 |
| 7.
erotic |
105 |
0,2 |
| 8.
porno |
89 |
0,2 |
| 9.
adult |
89 |
0,2 |
| 10.
playboy |
67 |
0,1 |
|
| Summe |
1.716 |
3,3 |
| Gesamt |
50.878 |
100,0 |
Allerdings machten die 10 häufigsten
Suchbegriffe in Metacrawler nur 3% der Gesamtzahl der Anfragen aus. 46% der Anfragen
operierten mit einmaligen Suchbegriffen; ob und inwieweit diese auch sexualbezogen waren,
ist jedoch unbekannt. Die semantische Analyse von Suchbegriffen ist noch nicht so weit
fortgeschritten, als dass sie inhaltlich vollständig rubriziert werden könnten. Die
vielzitierte Tatsache, dass sexualbezogene Stichworte sozusagen die "Top 10"
aller Suchanfragen in Suchmaschinen bilden, lässt also keinesfalls den Rückschluss zu,
dass im WWW überwiegend nach Sex-Inhalten gesucht wird.
Die Eingabe von sexualbezogenen Begriffen in Suchmaschinen
deutet auf ein Interesse an entsprechenden WWW-Inhalten hin. Ob entsprechende WWW-Inhalte
dann auch tatsächlich abgerufen werden, bleibt jedoch bei der Suchbegriff-Analyse völlig
offen. Dagegen können die Protokolldateien (Log Files),
die WWW-Server und WWW-Clients anlegen, Auskunft geben über die Art der heruntergeladenen
Dateien (siehe Kap. 5.1.3, Abschnitt "Registrierung von Systemfunktionen"). Die
Proxy-Log-Analyse von Berker
(1998, lokale Kopie: berker.htm) zeigt, dass
fast jede vierte WWW-Seite, die von Angehörigen der Universität Frankfurt binnen zwei
Wochen abgerufen wurde, sexualbezogen war:
Top 10 WWW-Inhalte
bei Angehörigen der Universität Frankfurt/Main
gemäß Log-File-Analyse von 2 Wochen im Januar 1998
(172.995 WWW-Seiten ingesamt) (Quelle: Berker, 1998)
| Inhalte der WWW-Seiten |
Anzahl |
% |
kum% |
| |
| 1. Sex |
41.643 |
24% |
24% |
| 2. Private Homepages |
21.852 |
13% |
37% |
| 3. Voreingestellte Seiten |
15.990 |
9% |
46% |
| 4. Software Treiber Support |
14.866 |
9% |
55% |
| 5. Orientierung |
14.726 |
8% |
63% |
| 6. "alte" Medien |
13.707 |
8% |
71% |
| 7. unbekannt |
6.756 |
4% |
75% |
| 8. Boersenkurse Finanzmarkt |
5.156 |
3% |
78% |
| 9. computerbezogene Magazine |
4.233 |
2% |
80% |
| 10. computerbezogener Konsum |
3.659 |
2% |
82% |
Diese zunächst sehr hoch
erscheinende Nutzungsintensität ist jedoch insofern zu relativieren, als sexualbezogene
WWW-Seiten typischerweise in den Nachtstunden im schnellen Wechsel ("Surfing")
abgerufen werden, während beispielsweise Inhalte aus der Rubrik "alte Medien"
(z.B. Online-Versionen von Zeitungen und Magazinen) sehr viel sorgfältiger und
zeitaufwendiger studiert werden dürften.
Wenn Schetsche
(1997, S. 239) berichtet, dass die "z.Z. wohl beliebteste sexualbezogene Resource
Page" (d.h. Link-Liste im WWW) im September 1996 täglich laut Seiten-Counter 180.000
Zugriffe aus aller Welt registrierte, dann deutet dies angesichts der immensen Größe der
Netz-Population (siehe Kap. 4.1) doch auf ein eher gemäßigtes Interesse hin. Ähnlich zu
beurteilen sind die Reichweiten sexualbezogener Newsgroups, die sich laut Reid (1995a) im Mai 1995 bei mehreren
hunderttausend Personen bewegten (z.B. <alt.sex>: 410.000; <alt.sex.stories>:
330.000; <alt.binaries.pictures.erotica>: 290.000). Aggregierte Reichweiten-Maße
sagen freilich noch nichts über die individuellen Nutzungsmuster aus. So kann die
abgerufene WWW-Seite bzw. die abonnierte Newsgroup intensiv (oder gar obsessiv) rezipiert
oder nur flüchtig betrachtet werden. Dass individuelles Nutzungsverhalten tatsächlich so
große Variabität aufweist ist nur allzu plausibel, wenn wir den Einfluß diverser
intra-, inter- und extrapersonaler Determinanten auf die Netznutzung in Rechnung stellen
(vgl. Kap. 6.11 zum medienökologischen Rahmenmodell). So wird in der psychologischen
Selbsthilfe-Szene die Gefahr der Pornografie-Sucht gerade im Zusammenhang mit
Netz-Nutzung als ernsthaftes Problem behandelt
(z.B. Dana E. Putnam: http://www.onlinesexaddict.com/).
Gleichzeitig verhielten sich jene 150 Personen aus 50 Pittsburgher Haushalten, die an der
ersten Welle der HomeNet-Studie
teilnahmen, gegenüber sexualbezogenen Newsgroups mehrheitlich abstinent (Lundmark,
1995, lokale Kopie: lundmark.htm):
Most people who do, in fact, look at sexually oriented
newsgroups do so only once or twice (over a period of months). Those who have looked at
any particular sexually oriented newsgroup more than twice constitute less than 1/5th the
sample population, and are mostly adult males and teenagers. And even for these people,
their usage of sexually oriented groups is a relatively small portion of their overall
activity with newsgroups. [...] Only three HomeNet users have ever posted to a sexually
oriented newsgroup.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass zu den zu
Informations- und Unterhaltungszwecken abgerufenen Newsgroup-Postings und WWW-Seiten auch
sexualbezogene Beiträge gehören. Ob diese jedoch im Internet überproportional (das
heißt in stärkerem Maße als in herkömmlichen Medien) vertreten sind, oder in besonders
starkem Maße genutzt werden, ist bislang nicht systematisch untersucht worden und
allgemein methodisch schwer feststellbar. Möglicherweise werden entsprechende Interessen
im Internet nur in besonderer Weise sichtbar. Zudem mag der schnelle, kostenlose und
unbeobachtete Zugriff auf einen großen, heterogenen Materialfundus die in anderen
Szenarien (z.B. Sexshop, Kiosk) vorhandenen Hemmschwellen senken und damit nicht nur neue
Risiken mit sich bringen, sondern auch neue Rezeptionsgratifikationen erschließen (z.B.
ausgiebiges Suchen, Sammeln, Tauschen, Empfehlen usw. von
einschlägigem Material, vgl. Döring, 1998a, 1998b; Cooper,
Scherer, Boies und Gordon, 1999, lokale Kopie: cooper.htm).
4.7.3 Der
Internet-Porno-Diskurs
Dass Internetnutzung in der breiten
Öffentlichkeit so stark mit Pornografiekonsum und sexuellen
Themen verknüpft wird, hängt wohl in erster Linie mit der oftmals noch lückenhaften Netzkenntnis in der
journalistischen Profession sowie mit der Dramatisieungstendenz
massenmedialer Berichterstattung zusammen ("bad news is good news"):
Schon jetzt ist das Internet eine Art weltweiter
Rotlichtbezirk im Cyberspace. Ein großer Teil des Angebotes, an dem weltweit rund 50
Millionen Menschen teilnehmen, läßt sich der Kategorie "Schmuddelkram"
zuordnen. Und in der Schmuddelkiste am Rande der Legalität finden sich unzählige,
hierzulande strafbare Angebote mit Kinderpornografie, Sodomie, Gewaltverherrlichung,
Werbung für Prostitution und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Im weitesten Sinne
drehen sich die meistgenutzten Angebote
im Internet um Sex und Pornografie (Koschnick, 1997, S. 41).
Skandalisierende und völlig unbelegte Meldungen wie diese
zeigen, dass empirische Ergebnisse zum Nutzungsverhalten von großem öffentlichem
Interesse sind. Dabei geht es nicht nur um eine genauere Quantifizierung der bevorzugten
Internet-Inhalte, sondern auch um eine Untersuchung der dazugehörigen
internetspezifischen Rezeptionsprozesse. Sexualbezogene Netzinhalte moralisierend einfach
als "Schmuddelkram" abzutun, wie es in der öffentlichen Diskussion gängig ist,
bleibt aus psychologischer Sicht unbefriedigend. Denn nicht nur werden die psychosozialen
Bedürfnisse, die sich im sexualbezogenen Internet-Gebrauch artikulieren, pauschal
disqualifiziert und damit einer ernsthaften und vorurteilsfreien Analyse entzogen
auch die kritische Auseinandersetzung mit der ubiquitären
"Schmuddelkram"-Rhetorik und ihren politischen Implikationen (z.B. Netzpolitik: Forderung nach verstärkten Kontrollen der
Netzkommunikation; Geschlechterpolitik: Etablierung des Netzes als bedrohliche
Männerdomäne; Sexualpolitik: Diffamierung sogenannter Perversionen etc.) unterbleibt.
Die politische Brisanz des Internet-Porno-Diskurses wurde
1995 überdeutlich: Am 15. Juni 1995 beschloss damals der us-amerikanische Senat mit einer Mehrheit von
84 zu 16 Stimmen den (später vom Repräsentantenhaus abgelehnten) Communication Decency Act (CDA, lokale Kopie: cda.htm). Nach einer geringfügigen Modifikation wurde der CDA
dann aber im Februar 1996 auch vom Repräsentantenhaus mit überwältigender Mehrheit (420
zu 4 Stimmen) akzeptiert und vom amerikanischen Präsidenten Bill Clinton
unterzeichnet. Der CDA trat allerdings dank einer einstweiligen Verfügung nie in Kraft.
Unter Führung der American Civil Liberties Union
(ACLU) wurde das Gesetz wegen Verstoß
gegen die Redefreiheit beim US-District Court Pennsylvania erfolgreich angefochten. Die
US-Regierung ging daraufhin den Weg zum Supreme Court, der 1997 den CDA für
verfassungswidrig erklärte (Reno vs. ACLU). Der
CDA sah vor, dass "obszöne" Äußerungen und Darstellungen im Internet mit bis
zu zwei Jahren Gefängnis geahndet werden sollen, sofern Minderjährige sie sehen
(könnten). Internet Service Provider wären für alle Beiträge verantwortlich, die von
ihrer Kundschaft massenhaft produziert und publiziert werden. Die Senatoren stützten sich
bei ihrem Votum für den CDA unter anderem auf eine an der Carnegie Mellon University
durchgeführte Studie, dergemäß angeblich "83,5% aller Bilder im Internet" Pornografie darstellen. Das
Nachrichtenmagazin Time
(Elmer-Dewitt, 1995, lokale Kopie: elmer.htm)
berichtete mit Verweis auf dieselbe Studie, dass "83,5% der Inhalte in bildbezogenen Usenet Newsgroups"
Pornografie (und insbesondere sog. harte Pornografie) darstellen. Die zitierte Studie
stammte von Marty Rimm (1995, lokale Kopie: rimm.htm),
damals Student an der Carnegie Mellon University. Er hatte n=917.410 Bilder bzw.
Bildbeschreibungen aus 5 Newsgroups und aus 101 "Adult Bulletin Board Systems"
(also aus nicht-jugendfreien Mailboxen) entnommen, die
definitionsgemäß Erotika und Pornografie gegen Gebühren nur Erwachsenen zur Verfügung
stellen. Die triviale Information, dass in Erotik-Mailboxen überwiegend
erotisch-pornografisches Material zu finden ist, wurde also vom Time Magazine und vom amerikanischen Senat
zum Anlass genommen, das Internet zu diskreditieren und eine strenge Kontrolle der Netzkommunikation zu fordern.
So scheint das Internet teilweise als
Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste und Kontroversen zu dienen, wobei die
in der Regel gut bebilderte Berichterstattung über vermeintlich ubiquitären
"Schweinkram" im Netz teilweise gerade die Bedürfnisse befriedigt, die sie zu
kritisieren vorgibt. Der sich über Cyberporn erregende, sachlich unzutreffende Time-Artikel wurde in diesem Sinne vom Netzmagazin Wired treffend als Journoporn
etikettiert (zum Überblick über die Cyberporn-Debatte siehe das Online-Archiv von Hoffman
& Novack, 1999):
Nach dem Scheitern des CDA im Jahr 1997 wurde bereits 1998
der Child Online Protection Act (COPA, lokale
Kopie: copa.htm) verabschiedet. Ein Bezirksgericht
in Philadelphia hat jedoch das Inkrafttreten des COPA auf Antrag mehrerer
Bürgerechtsorganisationen (u.a. der Electronic Frontier
Foundation: EFF) vorläufig
ausgesetzt. Wiederum steht eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der
ACLU bevor (ACLU vs. Reno II).
Bürgerrechtsgruppen befürchten, dass die im COPA formulierten
Einschränkungen, die dem Kinder- und Jugendschutz im Internet dienen sollen, letztlich
Erwachsene und Heranwachsende gleichermaßen darin behindern, einen offenen Diskurs über
sexualbezogene Themen zu führen. Der COPA verbietet
es, Minderjährigen auf kommerziellen Web-Sites jugendgefährdendes
("harmful") Material zugänglich zu machen. Solange jedoch nicht präzise und
allgemeinverbindlich definierbar ist, wann eine Web-Site als "kommerziell" oder
ein Beitrag als "jugendgefährdend" gilt, würde sich gemäß COPA plötzlich
ein Großteil sexualbezogener Netzommunikation - vom Hinweis zum Kondom-Kauf bis zur
Coming-Out-Geschichte - in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Tatsächlich sind die
Schädlichkeits-Kriterien im COPA (Sec. 231)
äußerst weit gefasst. Sie orientieren sich an konservativer Sexualmoral bzw. deren
subjektiver Auslegung und behandeln "Minderjährige" - seien sie 6 oder 17 Jahre
alt - als homogene Gruppe, deren sexuelles Interesse ("prurient interest") nicht
angesprochen werden darf:
The term "material that is
harmful to minors" means any communication, picture, image, graphic image
file, article, recording, writing, or other matter of any kind that--
- the average person, applying contemporary community standards,
would find, taking the material as a whole and with respect to minors, is designed to
appeal to, or is designed to pander to, the prurient interest;
- depicts, describes, or represents, in a manner patently
offensive with respect to minors, an actual or simulated sexual act or sexual contact, an
actual or simulated normal or perverted sexual act, or a lewd exhibition of the genitals
or post-pubescent female breast; and
- taken as a whole, lacks serious literary, artistic, political,
or scientific value for minors.
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