Sozialpsychologie des Internet

Nicola Döring

Hogrefe - Verlag für Psychologie

1. Auflage (1999)


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4   Die Internet-Population und ihre Nutzungsmuster

Zur Beschreibung des Internet gehört eine Charakterisierung der Internet-Population und ihrer Nutzungsmuster. Schließlich sind kommunikative Besonderheiten im Netz nicht nur auf technische Systemmerkmale, sondern auch auf die von den jeweiligen Nutzerinnen und Nutzern entwickelten unterschiedlichen Gebrauchsweisen zurückzuführen. In Kap. 4.1 geht es um die Größe, in Kap. 4.2 um die Soziodemografie der globalen Internet-Population. Kap. 4.3 konzentriert sich auf die bundesdeutsche Teilpopulation der "Internet-Gemeinde". Nachdem wir erfahren haben, wer die Nutzer und Nutzerinnen sind, betrachten wir ihre Nutzungsgewohnheiten. Netznutzung ist ein in quantitativer und qualitativer Hinsicht äußerst vielschichtiges Konzept. Wie viel Zeit nimmt Internet-Nutzung in Anspruch (Kap. 4.4)? Welche Internet-Dienste werden bevorzugt eingesetzt (Kap. 4.5)? Welche Inhalte stoßen auf besonderes Interesse (Kap. 4.6)? Welchen Stellenwert nehmen speziell die vieldiskutierten sexualbezogenen Netzangebote ein (Kap. 4.7)? Die Beantwortung und Diskussion dieser Fragen mündet schließlich in eine kurze Zusammenfassung (Kap. 4.8).

 

4.1   Größe der globalen Internet-Population
4.2   Soziodemografie der globalen Internet-Population
4.3   Bundesdeutsche Internet-Population
4.4   Zeitbudget für Internet-Nutzung
4.5   Dienste der Internet-Nutzung
4.6   Ziele und Inhalte der Internet-Nutzung
4.7  
Popularität sexualbezogener Internet-Inhalte
4.8   Zusammenfassung

 

4.7 Popularität sexualbezogener Internet-Inhalte

Nachdem bis hierher schon klargeworden ist, wie wenig Details uns eigentlich über die Nutzungsmuster der Internet-Population bekannt sind, wollen wir abschließend noch erkunden, wie die verbreitete Behauptung "Sex ist das Thema Nr. 1 im Netz" zu beurteilen ist. Die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser scheinbar abseitigen Fragestellung ist aus mindestens zwei Gründen wünschenswert: Zum einen geht es um die Erkundung eines neuen Ausdrucksfeldes sexueller Kultur, zum anderen um einen Themenkomplex von hoher politischer Brisanz. Denn wenn Kontroll- und Zensurmaßnahmen im Netz gefordert werden, beruft man sich in erster Linie auf Umfang und Gefährlichkeit sexualbezogener Netzangebote.

Um die Popularität sexualbezogener Internet-Inhalte abzuschätzen, gibt es eine Reihe von Herangehensweisen: Zunächst einmal kann man versuchen, die Menge der im Netz verfügbaren sexualbezogenen Texte, Bilder und sonstigen Angebote zu quantifizieren. Auf qualitativer Ebene lässt sich fragen, welche spezifischen inhaltlichen oder formalen Merkmale die verfügbaren sexualbezogenen Netzinhalte aufweisen. Schließlich ist dem Angebot die Nachfrage gegenüberzustellen. Hier lässt sich auf quantitativer Ebene beschreiben, welcher Anteil der von einer Person abgerufenen Netzinhalte dem sexuellen Bereich zuzuordnen ist. Auf qualitativer Ebene ginge es um inhaltliche oder formale Präferenzen von Nutzerinnen und Nutzern. In Abhängigkeit davon, ob man quantitative oder qualitative Aussagen über Angebot oder Nachfrage treffen will und inwieweit man sich dabei auf einzelne Netzdienste oder spezielle Angebotsformen konzentriert, sind differentielle Erhebungsmethoden zu wählen.

Im Folgenden sollen einige empirische Evidenzen zu sexualbezogenen WWW- und Newsgroup-Angeboten berichtet und diskutiert werden. Ausgeblendet bleiben bei dieser in erster Linie auf Erotika und Pornografie fokussierten Betrachtung der sexuelle Meinungs- und Erfahrungsaustausch sowie der zwischenmenschliche erotisch-sexuelle Kontakt im Netz (vgl. Döring, 1998a, 1998b).

Wir behandeln zunächst die sexualbezogenen Angebote im WWW und in Newsgroups (Abschnitt 4.7.1), kommen dann zur Nachfrage (Abschnitt 4.7.2) und streifen schließlich auch die politische Dimension des Internet-Porno-Diskurses (Abschnitt 4.7.3), in dem Spekulationen über die Angebots-  und Nachfragestruktur eine entscheidende Rolle spielen.

 

4.7.1 Sexualbezogene Angebote im WWW und in Newsgroups

Da bereits Mitte 1998 die Zahl der öffentlich zugänglichen WWW-Seiten auf 320 Millionen beziffert wurde und bei Suchmaschinen nur ca. 30% von ihnen registriert sind (News-Journal Online, 1998), ist es unmöglich, zuverlässige Angaben über Quantität oder Qualität sexualbezogener WWW-Angebote zu machen. Alarmierende Behauptungen, denengemäß "90%" der WWW-Inhalte sexualbezogen seien, sind ebenso haltlos wie beschwichtigende Behauptungen, die von "maximal 5%" Sex-Angeboten sprechen.

Um nicht in reiner Spekulation zu verharren, sondern zumindest partiell verfügbare Empirie einzubeziehen, bietet es sich an, Suchmaschinen als Informationsquellen zu nutzen. So kann man zum Beispiel betrachten, wie viele WWW-Seiten zu verschiedenen Stichworten gefunden werden und dabei sexualbezogene Angebote mit anderen Themenbereichen vergleichen. Dabei zeigt sich, dass WWW-Seiten, in denen der Begriff "Sex" vorkommt, weder auffallend zahlreich, noch besonders spärlich vertreten sind:

Anzahl der gefundenen WWW-Seiten
zu verschiedenen Stichworten (20. Januar 1999)

Stichwort

Suchmaschine
AltaVista

Suchmaschine
HotBot

Arts

10.298.655

2.555.678

Computer

30.364.562

6.898.509

Education

27.157.588

5.676.321

Money 09.025.430

3.969.264

Music 21.521.650

4.385.328

Politics

02.730.602

1.233.903

School

29.400.743

5.859.866

Sex

10.321.626

3.315.721

Es existieren rund 60.000 Newsgroups weltweit, von denen jedoch nur ca. 16.000 international propagiert werden und zum Angebot üblicher Newsserver gehören (vgl. Kap. 2.4.2). Rund 400 Newsgroups befassen sich gelegentlich oder primär mit sexualbezogenen Themen, also z.B. mit Sexualaufklärung, Coming-Out-Fragen oder der Bewältigung sexueller Übergriffe. Von diesen 400 sexualbezogenen Newsgroups enthalten 60 regelmäßig sexuelles Bildmaterial (vgl. Schetsche, 1997, S. 236) – das sind weit weniger als 1% der international relevanten Gruppen. Sichtet man die 25 Newsgroups mit dem höchsten Artikelaufkommen, ergibt sich folgendes Bild:

Top 25 Newsgroups mit dem höchsten Artikel-Aufkommen
im Juni 1997 (Quelle: <de.admin.lists>)

Newsgroup

Postings

KBytes

Anteil

 
1.  misc.jobs.offered

138.256

290.278

1.63%

2.  biz.jobs.offered

95.016

208.781

1.18%

3.  misc.jobs.contract

31.633

56.307

0.32%

4.  alt.sex

20.619

147.851

0.83%

5.  alt.binaries.pictures.erotica

20.344

442.834

2.49%

6.  alt.gothic

18.574

32.316

0.18%

7.  rec.collecting.sport.baseball

17.271

39.218

0.22%

8.  alt.sex.erotica.marketplace

15.577

74.636

0.42%

9.  rec.collecting.sport.basketball

12.052

22.091

0.12%

10. rec.sport.pro-wrestling

11.765

19.459

0.11%

11. alt.sex.masturbation

11.491

48.737

0.27%

12. alt.test

11.486

273.119

1.54%

13. rec.collecting.sport.hockey

11.374

21.251

0.12%

14. alt.sex.stories

11.273

57.325

0.32%

15. alt.binaries.pictures.erotica.amateur.female

11.211

173.920

0.98%

16. alt.sex.exhibitionism

10.856

70.672

0.40%

17. alt.sex.bondage

10.615

27.204

0.15%

18. alt.sex.movies

10.489

22.838

0.13%

19. alt.sex.fetish.orientals

10.324

25.111

0.14%

20. alt.sex.fetish.feet

9.891

76.314

0.43%

21. alt.sex.voyeurism

9.849

58.221

0.33%

22. rec.collecting.sport.football

9.682

21.499

0.12%

23. news.admin.net-abuse.email

9.519

23.327

0.13%

24. alt.sex.services

9.161

22.512

0.13%

25. alt.support.depression

9.038

16.569

0.09%

 

Summe der 25 Newsgroups
mit den meisten Artikeln

537.366 (11,29%)

2.272.390 (12,79%)

12,78%

Summe aller Newsgroups

4.759.204

17.766.342

100%

Unter den 25 artikelstärksten Newsgroups sind 13 sexualbezogen, während die 12 übrigen nicht-sexuellen Gruppen sich unter anderem mit Stellenangeboten, Sportthemen und Selbsthilfe beschäftigen. Die starke Präsenz der <alt.sex.*>-Subhierarchie ist jedoch insofern inhaltlich zu relativieren, als gerade die hier aufgelisteten Newsgroups fast nur Werbe-Beiträge enthalten, die auf kommerzielle Telefon- oder WWW-Angebote hinweisen und von Firmen in großer Menge (oftmals als Spam oder Yello, vgl. Kap. 2.4.3) verschickt werden.

Auf der Basis der hier genutzten quantitativen Evidenzen lässt sich also sowohl für das WWW als auch für die Newsgroups festhalten, dass sexualbezogene Angebote zwar nennenswert vertreten sind, aber keinesfalls gegenüber anderen Inhalten besonders dominieren.

Qualitativ sind bei den erotisch-pornografischen Darstellungen in Newsgroups und im WWW Bilder und Geschichten zu unterscheiden. Bei dem Bildmaterial handelt es sich in erster Linie um Zweitverwertungen aus herkömmlichen Medien (z.B. Fotos, die aus Magazinen eingescannt wurden). Eigenproduktionen kommen seltener vor. Michael Schetsche (1997) entnahm binnen vier Monaten diversen Newsgroups und WWW-Seiten systematisch ein möglichst breites Spektrum an sexualbezogenen Bildern (n=1.082). Etwa die Hälfte der Bilder ließ sich als Pornografie gemäß § 184, 1 StGB klassifizieren (z.B. Koitusdarstellung mit sichtbaren Genitalien), die andere Hälfte als Erotika (z.B. unbekleidete Frau mit verdecktem Genital).

Sogenannte harte Pornografie gemäß §184, 3 StGB (also die Abbildung realer sexueller Handlungen mit Tieren, Kindern oder unter Gewaltausübung) war dagegen kaum vertreten. Unter den 1.082 Bildern fanden sich 3, die eindeutig Kinder in sexuellen Interaktionen untereinander oder mit Erwachsenen zeigten. Mehta und Plaza (1997, S. 64) entnahmen aus 17 sexualbezogenen Newsgroups eine Zufallsauswahl von n=150 Bildern und fanden darunter kein einziges, das Kinder in sexuellen Interaktionen untereinander oder mit Erwachsenen zeigte. Dietz-Lenssen (1997) fand bei einer gezielten Recherche nach kinderpornografischen Angeboten im WWW kein einziges Bild und traf selbst in einschlägigen Newgroups (die nur über spezielle Server zugänglich sind) lediglich sehr vereinzelt auf entsprechendes Material. Die von alarmierten Medienberichten erzeugte Vorstellung, im Internet sei harte Pornografie (und insbesondere Kinderpornografie) stark repräsentiert, ist unzutreffend – man muss schon lange suchen, um das sehr vereinzelt und illegal publizierte Material überhaupt zu finden. Zudem kann natürlich per privatem Austausch im Netz genau wie per Telefon oder Briefpost Materialaustausch organisiert werden – sofern die Beteiligten bereits entsprechende Intentionen und Materialien mitbringen. Generell scheinen im Netz genau wie in den Printmedien unter dem Schlagwort "Teen" Bilder öffentlich verbreitet zu werden, die entweder Kinder im nicht-sexuellen Kontext oder (sehr jung aussehende) Erwachsene im sexuellen Kontext zeigen und somit auf Seiten der Produktion keinerlei unmittelbaren sexuellen Missbrauch an Kindern implizieren.

Die wenigen Inhaltsanalysen, die sich bislang mit sexualbezogenem Material beschäftigen, kreisen um die Frage, ob es im Netz tatsächlich "so schlimm" ist, wie Außenstehende oft befürchten. Dieser inhaltlich-politische Fokus hat es bislang wohl verhindert, das gesamte Spektrum sexualbezogener Angebote im Internet genauer zu beleuchten. So stellen ja insbesondere die vielen Eigenproduktionen im Bereich der Bilder und vor allem der Geschichten ein genuin neues (in der Regel kostenloses) sexualbezogenes Angebot für die Öffentlichkeit dar und sind Ausdruck aktiver Partizipation an sexueller Kultur.

4.7.2 Sexualbezogene Nachfrage im WWW und in Newsgroups

Um die Nachfrage nach sexualbezogenen Inhalten im Netz quantitativ und qualitativ zu beschreiben, kann man einerseits auf subjektive Daten zurückgreifen (z.B. schriftliche oder mündliche Befragung zum Nutzungsverhalten; siehe Kap. 5.2 und Kap. 5.3), andererseits aber auch objektive Verfahren nutzen (z.B. server- oder clientseitige automatische Protokollierung des Nutzungsverhaltens; siehe Kap. 5.1.3).

Selbstauskünfte mögen aufgrund sozial erwünschten Antwortens (insbesondere Abwehr des Vorurteils von "Netzen als Schmuddelmedien") das "wahre" Interesse an sexualbezogenen Netzinhalten unterschätzen. Angesichts der Tatsache, dass 22% der Männer und 7% der Frauen Ende der 80er Jahre in der alten Bundesrepublik berichteten, mindestens einmal pro Woche erotisches oder pornografisches Bildmaterial zu rezipieren und immerhin 44% der Männer und 26% der Frauen mindestens einmal pro Monat auf entsprechendes Material zurückgriffen (Ertel, 1990, S. 68) verwundert es schon, dass nur 1% der von Weinreich (1997) und nur 8% der von Wetzstein, Dahm, Steinmetz, Lentes, Schampaul und Eckert (1995) befragten Nutzer und Nutzerinnen von Mailboxen großes Interesse an sexualbezogenen Netzinhalten bekundeten. Allerdings ist zu beachten, dass in beiden Studien, die Item-Schwierigkeit durch die recht extreme Antwortformulierung ("lese fast immer", "hohes Interesse") stark erhöht war und somit gemäßigtes, aber ggf. vorhandenes Interesse nicht erfasst werden konnte. Aufschlussreicher ist deswegen die Studie InternetTrak Q2 (1998, lokale Kopie: trak.htm). Diese Studie basiert auf je einem bundesdeutschen und einem us-amerikanischen Repräsentativ-Sample und berichtet, dass in Deutschland 31% und in den USA 19% der WWW-Nutzer und -Nutzerinnen Erotik-Angebote in Anspruch nehmen. Die quantitative Verbreitung dieses thematischen Interesses bleibt jedoch hinter "Informationssuche" (D: 83%, USA: 89%), "Produktinformationen" (D: 83%, USA: 79%) oder "Nachrichten/Wetter" (D: 64%, USA: 67%) weit zurück. In einer us-amerikanischen WWW-Fragebogen-Studie (Cooper, Scherer, Boies und Gordon, 1999, lokale Kopie: cooper.htm) stellte sich heraus, dass 70% der Befragten vor ihren Mitmenschen verheimlichen, wie oft sie sich tatsächlich mit sexueller Motivation ins Netz begeben. Dabei wird der sexualbezogene Netz-Gebrauch als solcher von der überwältigenden Mehrheit als anregend und befriedigend empfunden. Nur bei einer Minderheit von 8% der Befragten zeigte sich eine von psychosozialen Beeinträchtigungen begleitete Exzessiv-Nutzung, was in etwa dem Anteil in der Gesamtbevölkerung entspricht, der umgangssprachlich als "sexsüchtig" oder "pornografiesüchtig" bezeichnet wird bzw. sich selbst so bezeichnet.

Nutzerinnen und Nutzer von Computernetzwerken hinterlassen sowohl auf ihren lokalen Rechnern als auch auf entfernten Servern diverse Spuren ihres Nutzungsverhaltens, so dass nonreaktive und objektive Messungen möglich sind. So werden beispielsweise die Suchanfragen, die bei Suchmaschinen eingehen, automatisch registriert. Die Suchmaschine Fireball bietet unter dem Menüpunkt "Live Suche" die Möglichkeit, sich anzeigen zu lassen, welche Suchbegriffe aktuell gerade angefragt werden. Diese alle 30 Sekunden aktualisierte Anzeige enthält häufig auch sexualbezogene Begriffe oder Begriffskombinationen, ohne dass ihr Anteil dominant wäre:

Aktuell angefragte Suchbegriffe in der Suchmaschine Fireball
(Quelle: "Live Suche" in Fireball)

Freitag, 22. Janur 1999
(20 Uhr)
Freitag, 22. Januar 1999
(21 Uhr)
gnadenhof MS Astor
Viva hits Fischbachau
high heels New york philharmonic
handy TWIST.QT
www.mandala.de +probleme +t online +Internet explorer
+Siegessäule +Berlin banshee
F Zero X sven kückelhaus
Maklerkostenabzug t-q
internetprovider ada
pornobilder tomb raider II
sex Tenefiffa+Hotel
+"kati +witt +nackt" +Kfz +behindert +Umbau
voyeur mallorca reisen
harman/kardon Fiat Ulysse
sex geschirr
fanatic +surf +falcon nintendo
+ictsoftware "Chronik Verlag"
nais gebrauchtwagen
Entwicklung des Euro 3dfx
(Titten) AND (domain:de) uncut

Neben einer solchen Augenscheinprüfung (siehe z.B. auch Real Time Searches von Magellan) kann eine systematische Inhaltsanalyse der Suchbegriffe Hinweise auf die relative Popularität verschiedener Themengebiete liefern. Der Suchdienst MetaCrawler durchsucht parallel die sechs Suchmaschinen Galaxy, InfoSeek, Lycos, Open Text, WebCrawler und Yahoo. Sämtliche Anfragen, die MetaCrawler zwischen dem 7. Juli und 30. September 1995 bearbeitete (n=50.878), wurden auf Gleichheit überprüft (Selberg & Etzioni, 1995, lokale Kopie: selberg.htm). Auf diese Weise konnten die 10 am häufigsten abgefragen Suchbegriffe identifiziert werden. Sie sind allesamt sexualbezogen:  

Die häufigsten Suchbegriffe in MetaCrawler
(7.7.-30.9.1995) (Quelle:
Selberg & Etzioni, 1995, Tab. 1)

Suchbegriffe

Zahl der Anfragen

Prozent

1. sex

533

1,0

2. erotica

219

0,4

3. nude

217

0,4

4. porn

158

0,3

5. penthouse

127

0,2

6. pornography

112

0,2

7. erotic

105

0,2

8. porno

 89

0,2

9. adult

 89

0,2

10. playboy

 67

0,1

Summe

1.716

3,3

Gesamt

50.878

100,0

Allerdings machten die 10 häufigsten Suchbegriffe in Metacrawler nur 3% der Gesamtzahl der Anfragen aus. 46% der Anfragen operierten mit einmaligen Suchbegriffen; ob und inwieweit diese auch sexualbezogen waren, ist jedoch unbekannt. Die semantische Analyse von Suchbegriffen ist noch nicht so weit fortgeschritten, als dass sie inhaltlich vollständig rubriziert werden könnten. Die vielzitierte Tatsache, dass sexualbezogene Stichworte sozusagen die "Top 10" aller Suchanfragen in Suchmaschinen bilden, lässt also keinesfalls den Rückschluss zu, dass im WWW überwiegend nach Sex-Inhalten gesucht wird.

Die Eingabe von sexualbezogenen Begriffen in Suchmaschinen deutet auf ein Interesse an entsprechenden WWW-Inhalten hin. Ob entsprechende WWW-Inhalte dann auch tatsächlich abgerufen werden, bleibt jedoch bei der Suchbegriff-Analyse völlig offen. Dagegen können die Protokolldateien (Log Files), die WWW-Server und WWW-Clients anlegen, Auskunft geben über die Art der heruntergeladenen Dateien (siehe Kap. 5.1.3, Abschnitt "Registrierung von Systemfunktionen"). Die Proxy-Log-Analyse von Berker (1998, lokale Kopie: berker.htm) zeigt, dass fast jede vierte WWW-Seite, die von Angehörigen der Universität Frankfurt binnen zwei Wochen abgerufen wurde, sexualbezogen war:

Top 10 WWW-Inhalte
bei Angehörigen der Universität Frankfurt/Main
gemäß Log-File-Analyse von 2 Wochen im Januar 1998
(172.995 WWW-Seiten ingesamt) (Quelle: Berker, 1998)

Inhalte der WWW-Seiten Anzahl % kum%  
 
1.  Sex 41.643 24% 24%
2.  Private Homepages 21.852 13% 37%
3.  Voreingestellte Seiten 15.990  9% 46%
4.  Software Treiber Support 14.866  9% 55%
5.  Orientierung 14.726  8% 63%
6.  "alte" Medien 13.707  8% 71%
7.  unbekannt  6.756  4% 75%
8.  Boersenkurse Finanzmarkt  5.156  3% 78%
9.  computerbezogene Magazine  4.233  2% 80%
10. computerbezogener Konsum  3.659  2% 82%

Diese zunächst sehr hoch erscheinende Nutzungsintensität ist jedoch insofern zu relativieren, als sexualbezogene WWW-Seiten typischerweise in den Nachtstunden im schnellen Wechsel ("Surfing") abgerufen werden, während beispielsweise Inhalte aus der Rubrik "alte Medien" (z.B. Online-Versionen von Zeitungen und Magazinen) sehr viel sorgfältiger und zeitaufwendiger studiert werden dürften.

Wenn Schetsche (1997, S. 239) berichtet, dass die "z.Z. wohl beliebteste sexualbezogene Resource Page" (d.h. Link-Liste im WWW) im September 1996 täglich laut Seiten-Counter 180.000 Zugriffe aus aller Welt registrierte, dann deutet dies angesichts der immensen Größe der Netz-Population (siehe Kap. 4.1) doch auf ein eher gemäßigtes Interesse hin. Ähnlich zu beurteilen sind die Reichweiten sexualbezogener Newsgroups, die sich laut Reid (1995a) im Mai 1995 bei mehreren hunderttausend Personen bewegten (z.B. <alt.sex>: 410.000; <alt.sex.stories>: 330.000; <alt.binaries.pictures.erotica>: 290.000). Aggregierte Reichweiten-Maße sagen freilich noch nichts über die individuellen Nutzungsmuster aus. So kann die abgerufene WWW-Seite bzw. die abonnierte Newsgroup intensiv (oder gar obsessiv) rezipiert oder nur flüchtig betrachtet werden. Dass individuelles Nutzungsverhalten tatsächlich so große Variabität aufweist ist nur allzu plausibel, wenn wir den Einfluß diverser intra-, inter- und extrapersonaler Determinanten auf die Netznutzung in Rechnung stellen (vgl. Kap. 6.11 zum medienökologischen Rahmenmodell). So wird in der psychologischen Selbsthilfe-Szene die Gefahr der Pornografie-Sucht gerade im Zusammenhang mit Netz-Nutzung als ernsthaftes Problem behandelt (z.B. Dana E. Putnam: http://www.onlinesexaddict.com/). Gleichzeitig verhielten sich jene 150 Personen aus 50 Pittsburgher Haushalten, die an der ersten Welle der HomeNet-Studie teilnahmen, gegenüber sexualbezogenen Newsgroups mehrheitlich abstinent (Lundmark, 1995, lokale Kopie: lundmark.htm):

Most people who do, in fact, look at sexually oriented newsgroups do so only once or twice (over a period of months). Those who have looked at any particular sexually oriented newsgroup more than twice constitute less than 1/5th the sample population, and are mostly adult males and teenagers. And even for these people, their usage of sexually oriented groups is a relatively small portion of their overall activity with newsgroups. [...] Only three HomeNet users have ever posted to a sexually oriented newsgroup.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass zu den zu Informations- und Unterhaltungszwecken abgerufenen Newsgroup-Postings und WWW-Seiten auch sexualbezogene Beiträge gehören. Ob diese jedoch im Internet überproportional (das heißt in stärkerem Maße als in herkömmlichen Medien) vertreten sind, oder in besonders starkem Maße genutzt werden, ist bislang nicht systematisch untersucht worden und allgemein methodisch schwer feststellbar. Möglicherweise werden entsprechende Interessen im Internet nur in besonderer Weise sichtbar. Zudem mag der schnelle, kostenlose und unbeobachtete Zugriff auf einen großen, heterogenen Materialfundus die in anderen Szenarien (z.B. Sexshop, Kiosk) vorhandenen Hemmschwellen senken und damit nicht nur neue Risiken mit sich bringen, sondern auch neue Rezeptionsgratifikationen erschließen (z.B. ausgiebiges Suchen, Sammeln, Tauschen, Empfehlen usw. von einschlägigem Material, vgl. Döring, 1998a, 1998b; Cooper, Scherer, Boies und Gordon, 1999, lokale Kopie: cooper.htm).  

4.7.3 Der Internet-Porno-Diskurs

Dass Internetnutzung in der breiten Öffentlichkeit so stark mit Pornografiekonsum und sexuellen Themen verknüpft wird, hängt wohl in erster Linie mit der oftmals noch lückenhaften Netzkenntnis in der journalistischen Profession sowie mit der Dramatisieungstendenz massenmedialer Berichterstattung zusammen ("bad news is good news"):

Schon jetzt ist das Internet eine Art weltweiter Rotlichtbezirk im Cyberspace. Ein großer Teil des Angebotes, an dem weltweit rund 50 Millionen Menschen teilnehmen, läßt sich der Kategorie "Schmuddelkram" zuordnen. Und in der Schmuddelkiste am Rande der Legalität finden sich unzählige, hierzulande strafbare Angebote mit Kinderpornografie, Sodomie, Gewaltverherrlichung, Werbung für Prostitution und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Im weitesten Sinne drehen sich die meistgenutzten Angebote im Internet um Sex und Pornografie (Koschnick, 1997, S. 41).

Skandalisierende und völlig unbelegte Meldungen wie diese zeigen, dass empirische Ergebnisse zum Nutzungsverhalten von großem öffentlichem Interesse sind. Dabei geht es nicht nur um eine genauere Quantifizierung der bevorzugten Internet-Inhalte, sondern auch um eine Untersuchung der dazugehörigen internetspezifischen Rezeptionsprozesse. Sexualbezogene Netzinhalte moralisierend einfach als "Schmuddelkram" abzutun, wie es in der öffentlichen Diskussion gängig ist, bleibt aus psychologischer Sicht unbefriedigend. Denn nicht nur werden die psychosozialen Bedürfnisse, die sich im sexualbezogenen Internet-Gebrauch artikulieren, pauschal disqualifiziert und damit einer ernsthaften und vorurteilsfreien Analyse entzogen – auch die kritische Auseinandersetzung mit der ubiquitären "Schmuddelkram"-Rhetorik und ihren politischen Implikationen (z.B. Netzpolitik: Forderung nach verstärkten Kontrollen der Netzkommunikation; Geschlechterpolitik: Etablierung des Netzes als bedrohliche Männerdomäne; Sexualpolitik: Diffamierung sogenannter Perversionen etc.) unterbleibt.

Die politische Brisanz des Internet-Porno-Diskurses wurde 1995 überdeutlich: Am 15. Juni 1995 beschloss damals der us-amerikanische Senat mit einer Mehrheit von 84 zu 16 Stimmen den (später vom Repräsentantenhaus abgelehnten)  Communication Decency Act (CDA, lokale Kopie: cda.htm). Nach einer geringfügigen Modifikation wurde der CDA dann aber im Februar 1996 auch vom Repräsentantenhaus mit überwältigender Mehrheit (420 zu 4 Stimmen) akzeptiert und vom amerikanischen Präsidenten Bill Clinton unterzeichnet. Der CDA trat allerdings dank einer einstweiligen Verfügung nie in Kraft. Unter Führung der American Civil Liberties Union (ACLU) wurde das Gesetz wegen Verstoß gegen die Redefreiheit beim US-District Court Pennsylvania erfolgreich angefochten. Die US-Regierung ging daraufhin den Weg zum Supreme Court, der 1997 den CDA für verfassungswidrig erklärte (Reno vs. ACLU). Der CDA sah vor, dass "obszöne" Äußerungen und Darstellungen im Internet mit bis zu zwei Jahren Gefängnis geahndet werden sollen, sofern Minderjährige sie sehen (könnten). Internet Service Provider wären für alle Beiträge verantwortlich, die von ihrer Kundschaft massenhaft produziert und publiziert werden. Die Senatoren stützten sich bei ihrem Votum für den CDA unter anderem auf eine an der Carnegie Mellon University durchgeführte Studie, dergemäß angeblich "83,5% aller Bilder im Internet" Pornografie darstellen. Das Nachrichtenmagazin Time (Elmer-Dewitt, 1995, lokale Kopie: elmer.htm) berichtete mit Verweis auf dieselbe Studie, dass "83,5% der Inhalte in bildbezogenen Usenet Newsgroups" Pornografie (und insbesondere sog. harte Pornografie) darstellen. Die zitierte Studie stammte von Marty Rimm (1995, lokale Kopie: rimm.htm), damals Student an der Carnegie Mellon University. Er hatte n=917.410 Bilder bzw. Bildbeschreibungen aus 5 Newsgroups und aus 101 "Adult Bulletin Board Systems" (also aus nicht-jugendfreien Mailboxen) entnommen, die definitionsgemäß Erotika und Pornografie gegen Gebühren nur Erwachsenen zur Verfügung stellen. Die triviale Information, dass in Erotik-Mailboxen überwiegend erotisch-pornografisches Material zu finden ist, wurde also vom Time Magazine und vom amerikanischen Senat zum Anlass genommen, das Internet zu diskreditieren und eine strenge Kontrolle der Netzkommunikation zu fordern.

So scheint das Internet teilweise als Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste und Kontroversen zu dienen, wobei die – in der Regel gut bebilderte – Berichterstattung über vermeintlich ubiquitären "Schweinkram" im Netz teilweise gerade die Bedürfnisse befriedigt, die sie zu kritisieren vorgibt. Der sich über Cyberporn erregende, sachlich unzutreffende Time-Artikel wurde in diesem Sinne vom Netzmagazin Wired treffend als Journoporn etikettiert (zum Überblick über die Cyberporn-Debatte siehe das Online-Archiv von Hoffman & Novack, 1999):  

Wired sagt: "Time's cover was itself child pornography, produced by the same artist responsible for darkening O. J.'s face. Was this the model?" (Quelle: http://www.hotwired.com/special/pornscare/index.html)

Nach dem Scheitern des CDA im Jahr 1997 wurde bereits 1998 der Child Online Protection Act (COPA, lokale Kopie: copa.htm) verabschiedet. Ein Bezirksgericht in Philadelphia hat jedoch das Inkrafttreten des COPA auf Antrag mehrerer Bürgerechtsorganisationen (u.a. der Electronic Frontier Foundation: EFF) vorläufig ausgesetzt. Wiederum steht eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der ACLU bevor (ACLU vs. Reno II). Bürgerrechtsgruppen befürchten, dass die im COPA formulierten Einschränkungen, die dem Kinder- und Jugendschutz im Internet dienen sollen, letztlich Erwachsene und Heranwachsende gleichermaßen darin behindern, einen offenen Diskurs über sexualbezogene Themen zu führen. Der COPA verbietet es, Minderjährigen auf kommerziellen Web-Sites jugendgefährdendes ("harmful") Material zugänglich zu machen. Solange jedoch nicht präzise und allgemeinverbindlich definierbar ist, wann eine Web-Site als "kommerziell" oder ein Beitrag als "jugendgefährdend" gilt, würde sich gemäß COPA plötzlich ein Großteil sexualbezogener Netzommunikation - vom Hinweis zum Kondom-Kauf bis zur Coming-Out-Geschichte - in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Tatsächlich sind die Schädlichkeits-Kriterien im COPA (Sec. 231) äußerst weit gefasst. Sie orientieren sich an konservativer Sexualmoral bzw. deren subjektiver Auslegung und behandeln "Minderjährige" - seien sie 6 oder 17 Jahre alt - als homogene Gruppe, deren sexuelles Interesse ("prurient interest") nicht angesprochen werden darf:

The term "material that is harmful to minors" means any communication, picture, image, graphic image file, article, recording, writing, or other matter of any kind that--

  • the average person, applying contemporary community standards, would find, taking the material as a whole and with respect to minors, is designed to appeal to, or is designed to pander to, the prurient interest;
  • depicts, describes, or represents, in a manner patently offensive with respect to minors, an actual or simulated sexual act or sexual contact, an actual or simulated normal or perverted sexual act, or a lewd exhibition of the genitals or post-pubescent female breast; and
  • taken as a whole, lacks serious literary, artistic, political, or scientific value for minors.

 

 

 


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Nicola.Doering@urz.uni-heidelberg.de
1. Juni 1999, letzte Änderung: 3. Juni 1999