Sozialpsychologie des Internet

Nicola Döring

Hogrefe - Verlag für Psychologie

1. Auflage (1999)


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5   Methodische Erfassung computervermittelter Kommunikation

 

Bei der Definition und Beschreibung der verschiedenen Varianten zeitversetzter (Kap. 2) und zeitgleicher (Kap. 3) computervermittelter Kommunikation im Internet sowie bei der Charakterisierung der Internet-Population (Kap. 4) haben wir auf Daten zurückgegriffen, die im Kontext unterschiedlicher Forschungsdesigns an unterschiedlichen Stichproben von Untersuchungsobjekten mit unterschiedlichen Datenerhebungsmethoden gewonnen und schließlich mit unterschiedlichen Analysemethoden ausgewertet wurden. Das vorliegende Kapitel konzentriert sich aus methodischer Sicht auf die Frage, welche Datenerhebungsmethoden der sozialwissenschaftlichen Internet-Forschung allgemein zur Verfügung stehen und wie intensiv man sie bislang nutzt.

Kap. 5.1 wendet sich den Beobachtungsmethoden zu und geht auch auf die Auswertung von Beobachtungsmaterial mittels Inhaltsanalysen ein. Kap. 5.2 behandelt mündliche und Kap. 5.3 schriftliche Befragungsmethoden. Alle drei Gruppen von Datenerhebungsmethoden (für weitere Methoden siehe Williams, Rice & Rogers, 1988) sind sowohl zur Untersuchung der Merkmale der Internet-Nutzung (z.B. sprachliche Besonderheiten bei der Netzkommunikation), als auch zur Erfassung ihrer Determinanten (z.B. Nutzungskompetenz, Nutzungsmotive) sowie ihrer Konsequenzen (z.B. Veränderung von Beziehungsmustern und Gruppenzugehörigkeiten in Folge der Internet-Nutzung) geeignet. Generell profitieren internet-bezogene Studien von einer Kombination unterschiedlicher methodischer Zugangswege. Zudem können und sollen Internet-Studien nicht nur netzinterne, sondern auch netzexterne Datenquellen ausschöpfen. So kann man beispielsweise zur Untersuchung der Chat-Kommunikation Interaktions-Sequenzen auf Chat-Channels mitprotokollieren, die regelmäßigen Face-to-Face-Treffen (Parties, Stammtische) von Channel-Mitgliedern teilnehmend beobachten, die Erfahrungen unterschiedlicher Gruppen von Chattern und Chatterinnen per Leitfaden-Interview oder per Fragebogen erfassen. Die Wahl einer Datenerhebungsmethode steht in enger Verbindung zum Untersuchungsdesign. Um die Fülle der Untersuchungsdesigns zu ordnen, lassen sich vor allem drei Kriterien heranziehen:

  1. Anzahl der Untersuchungsobjekte (Einzelfallstudie versus Stichproben- oder Populations-Untersuchung),
  2. Anzahl der Untersuchungszeitpunkte (Querschnittstudie versus Längsschnittstudie),
  3. Kontrolle der Bedingungsvariation (Ex-post-facto-Design versus experimentelles Design).

Auch wenn Datenerhebungsmethoden im Folgenden im Zentrum stehen, werden wir immer wieder auch auf Fragen des Untersuchungsdesigns, der Stichprobenauswahl sowie der Datenanalyse zu sprechen kommen. Die einzelnen Untersuchungsdesigns und Stichprobenarten werden deswegen nicht gesondert behandelt. Eine Ausnahme bilden die experimentellen Designs, denen Kap. 5.4 gewidmet ist. Kap. 5.5. diskutiert ethische Probleme netzimmanenter Datenerhebung und Kap. 5.6 liefert eine kurze Zusammenfassung.

 

5.1   Beobachtung
5.2   Mündliche Befragung
5.3   Schriftliche Befragung
5.4   Experiment
5.5  
Ethische Probleme
5.6   Zusammenfassung

 

5.5 Ethische Probleme der Internet-Forschung  

Es ist zu erwarten, dass sich in nächster Zeit feste methodische Durchführungsregeln für die einzelnen netzimmanenten Datenerhebungsmethoden etablieren und die Merkmale dieser neuen Datenerhebungsverfahren (z.B. Besonderheiten des Versuchspersonen-Verhaltens) systematisch evaluiert werden. Notwendig ist auch die Entwicklung verbindlicher ethischer Richtlinien, die internetbasierte Datenerhebung regulieren (vgl. Williams, Rice & Rogers, 1988, S. 176ff.). So sind bei internetbasierten Verfahren generell Maßnahmen zur Sicherung des Datenschutzes sehr ernstzunehmen, da digitale Daten besonders leicht zu missbrauchen sind.

Im Folgenden seien ethische Probleme angesprochen, die bei der reaktiven (Abschnitt 5.5.1) und nonreaktiven (Abschnitt 5.5.2) Datenerhebung sowie bei der Publikation von Untersuchungsergebnissen (Abschnitt 5.5.3) auftreten können.

 

5.5.1 Reaktive Datenerhebung

Bei reaktiven Verfahren wie Online-Interviews, Online-Fragebögen und WWW-Experimenten geben die Versuchspersonen durch ihre bewusste Entscheidung zur Teilnahme ihr explizites Einverständnis dazu, untersucht zu werden. Zudem haben sie jederzeit die Möglichkeit, die Untersuchung ohne Rechtfertigungsdruck abzubrechen. Da reaktive Verfahren einen mehr oder minder bedeutsamen Eingriff in das Verhalten und Erleben der Untersuchungspersonen darstellen, ist zu beachten, dass die Probanden mit Untersuchungsmaterial und -anforderungen nicht alleingelassen sind, sondern auf ausführliche Erläuterungen und Hilfsfunktionen zurückgreifen können. Zudem sollte möglichen Beeinträchtigungen (z.B. negative Stimmungsinduktion) entgegengewirkt werden. In jedem Fall ist es angebracht, den Untersuchungspersonen Kontaktmöglichkeiten (z.B. Email-Adresse, Telefonnummer) anzubieten, damit sie sich bei Bedarf (z.B. Rückfragen, Ergebnisbericht, Kritik) direkt mit den für die Studie Verantwortlichen in Verbindung setzen können. Am Ende der Untersuchung sollten die Hypothesen der Versuchspersonen über das mutmaßliche Ziel der Untersuchung erfragt werden. Wird im Rahmen der Online-Befragung oder des WWW-Experiments eine Cover-Story benutzt oder die Zielsetzung der Untersuchung nicht völlig offengelegt, so sollte im Nachhinein für Aufklärung gesorgt und es auch freigestellt werden, den eigenen Datensatz wieder zu löschen.

5.5.2 Nonreaktive Datenerhebung

Ethisch problematischer als reaktive Verfahren sind nonreaktive Verfahren wie die verdeckte freie Beobachtung, die verdeckte Feldbeobachtung und die automatische Registrierung von Kommunikationsprozessen oder Systemfunktionen. Wenn Menschen ihren alltäglichen Netzaktivitäten nachgehen und überhaupt nicht wissen, dass sie untersucht werden, können sie weder Einverständnis noch Widerspruch äußern. Generell ist davon auszugehen, dass für Menschen außerhalb wie innerhalb des Netzes die Vorstellung unangenehm ist, heimlich im Rahmen psychologischer Studien "beforscht" zu werden. In einigen Mailinglisten, Chat-Channels und MUDs werden Forschungstätigkeiten mittlerweile in öffentlichen Mitteilungen gänzlich untersagt, obwohl sie sich de facto kaum verhindern lassen. Gegen eine solche Reserviertheit gegenüber Forschungsaktivitäten wird oft eingewandt, dass öffentliche Äußerungen in Netzforen ja ohnehin publiziert seien und somit als öffentliche Verlautbarungen (genau wie Zeitungsartikel, Leserbriefe, Graffitis oder Ansprachen) nicht nur praktisch, sondern auch ethisch (qua implizitem Einverständnis) der gesamten Öffentlichkeit (und damit auch der Wissenschaft) frei zum Analysieren und Zitieren zur Verfügung stünden.

Die Analogie zwischen Zeitungsartikel und Posting ist jedoch im Verständnis vieler Netzmitglieder zweifelhaft. So richten sich die von Journalistinnen und Journalisten verfassten Zeitungsartikel bewusst an die breite Öffentlichkeit, während die von Privatleuten verfassten Postings stets in konkrete interpersonale Schrift-Gespräche eingebettet sind und man sich in erster Linie untereinander austauscht. Wenn öffentliche Foren dabei Lurker zulassen, dann sind damit eher interessiert-empathische Zeitgenossen eingeladen als kritsch-analysierende Wissenschaftler oder andere Rechercheure. Nimmt man diesen Privatheits-Einwand ernst, ergibt sich, dass wir auf verdeckte Beobachtungsstudien verzichten und konsequent explizites Einverständnis einholen müssen, was uns nicht nur von der gewünschten Nonreaktivität ein Stück entfernt, sondern organisatorisch auch recht aufwendig sein kann. Soll etwa der Kommunikationsverlauf in einer Mailingliste oder Newsgroup nicht-verdeckt automatisch beobachtet werden, so müsste man alle aktiven Posterinnen und Poster separat um ihr Einverständnis bitten und auf die Registrierung der kompletten Posting-Population verzichten, sobald einzelne Personen ablehnen und dadurch vielfältige Missings im Datensatz entstehen.

Ein Kompromiss zwischen der Unterstellung impliziten Einverständnisses und dem konsequenten Einholen expliziten Einverständnisses bei allen Beteiligten besteht darin, Forschungsaktivitäten öffentlich im Forum anzukündigen, was freilich wiederum zu reaktiven Effekten führen kann (z.B. bestimmte Personen ziehen sich zurück, andere äußern sich verstärkt). Bei langen Beobachtungszeiträumen und/oder in Foren mit unspektakulären Themen darf man aber darauf vertrauen, dass ein "Versuchskaninchen-Effekt" kaum zu Buche schlägt, weil die Beteiligten das "Untersucht-Werden" gar nicht besonders beachten und damit wieder eine nahezu nonreaktive, alltagstypische Forschungssituation entsteht. Nancy Baym (1997, S. 104) untersuchte die Newsgroup <rec.arts.tv.soaps> und setzte dabei verschiedene Datenerhebungsmethoden ein: teilnehmende Feldbeobachtung, "Feldgespräche" per Email (n=10), eine Fragebogen-Erhebung (n=18) sowie die automatische Beobachtung des öffentlichen Kommunikationsverlaufs durch Registrierung aller Postings im Oktober 1991, wobei sie ihre Forschungsaktivitäten transparent machte:

I posted two notices to the group explaining the project and offering to exclude posts by those who preferred not to be involved. No one declined to participate.

Um offenzulegen, dass man gerade ein Chat-Forum oder ein MUD zu wissenschaftlichen Zwecken beobachtet, ist es möglich, einen entsprechenden Nick zu wählen (z.B. "Forschung") und die Anwensenden in privaten Mitteilungen über die Forschungsaktivität aufzuklären. Bernhard Debatin (1997) beobachtete nicht-verdeckt teilnehmend von September 1995 bis April 1997 ein international besetztes Chat-Forum des Online-Dienstes CompuServe und berichtet:

Meine eigene Rolle in diesem Forum war zum einen die eines aus Deutschland kommenden und deshalb eher exotischen Regulars, zum anderen die eines (ebenso exotischen) Forschers. Die regelmäßigen Nutzer des Forums waren dabei über mein wissenschaftliches Interesse informiert und sie sahen darin auch keine irgendwie geartete Störung. Vielmehr fanden es die meisten Regulars sehr "cool", daß ich eine Studie über sie beabsichtigte und einige wollten auch gerne von mir interviewt werden.

Derart positive Reaktionen auf öffentlich annoncierte Forschungsaktivitäten sind freilich nicht selbstverständlich. Es genügen ein oder zwei Gruppenmitglieder, die vehemente Vorbehalte gegen "die Psychologen" haben, um ein Gruppenklima zu erzeugen, in dem die Forschenden mit ihrem Anliegen unter massiven Rechterfertigungsdruck geraten. Noch problematischer als verdeckte Beobachtungen, bei denen sich die Betroffenen möglicherweise "ausgehorcht" fühlen, sind verdeckte Feldexperimente, die leicht den Eindruck erzeugen, hintergangen oder missbraucht zu werden (vgl. Kap. 5.4.1). Generell ist zu beachten, dass die Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit bei der computervermittelten Kommunikation neu ausgehandelt und kontextspezifisch vereinbart werden, so dass pauschale ethische Richtlinien vermutlich an den Bedürfnissen und Erwartungen der Beteiligten vorbeigehen. Manchmal wird als Heuristik empfohlen, sich bei der ethischen Beurteilung einer verdeckten Vorgehensweise im Netz an der Bewertung einer "analogen" Vorgehensweise außerhalb des Netzes zu orientieren: Ist das netzimmanente Vorgehen vergleichbar mit dem Fotografieren auf einem Volksfest? Oder ähnelt es eher einer heimlichen Tonbandaufnahme bei einem Tischgespräch im Lokal? Angesichts der Schwierigkeit, Netzszenarien einfach als Äquivalente von Face-to-Face-Situationen zu deuten, ist diese Heuristik jedoch nur bedingt brauchbar.

5.5.3 Publikation von Ergebnissen

Gemäß ethischem Forschungsanspruch sind Konsenskriterien nicht nur bei der Datenerhebung, sondern auch und vor allem bei der Publikation von Ergebnissen virulent. Konsequent zu anonymisieren, so dass weder Einzelpersonen noch konkrete Foren erkennbar sind, maximiert zwar den Datenschutz, ist bei vielen netzimmanenten Studien aber dennoch nicht wünschenswert: Aussagen über nicht-identifizierbare Netzforen sind weder kritisierbar noch replizierbar. Die Nicht-Nennung von Real Names kann eine Verletzung von Autorenrechten bedeuten. Die Eliminierung von Nicknames geht mit erheblichem Informationsverlust einher, da Namenswahl und ggf. auch Namenswechsel beim Chatten und Mudden wichtige Identitätsrequisiten sind (vgl. Kap. 3.2.2). Erforderlich ist vor diesem Hintergrund also wiederum ein kontextspezifisches Umgehen mit Anonymitäts-Ansprüchen einerseits und Identifizierbarkeits-Wünschen andererseits.

Die namentliche Nennung von Netzforen wie Mailinglisten, Newsgroups, Chat-Channels oder MUDs ist in Publikationen gängig. Ausnahmen bilden in der Regel nur solche Foren, die in der Netzöffentlichkeit wenig bekannt sind und vor unerwünschter Aufmerksamkeit geschützt werden sollen. So bezieht sich z.B. Elizabeth Reid (1994a, Fussnote 22) auf JennyMUSH – ein MUD, das Mädchen und Frauen bei der Bewältigung sexueller Grenzverletzungen helfen soll – und nennt dabei auf ausdrücklichen Wunsch der MUD-Administratorin die Netzadresse nicht, was mutwilligen Störungen vorzubeugen soll. Dietz-Lenssen (1997, S. 94) führt in der Publikation seiner Analyse kinderpornografischer Netzangebote nur jene Foren namentlich auf, deren Existenz in allgemein zugänglichen Quellen ersichtlich ist, und verzichtet explizit auf die namentliche Nennung unbekannterer Foren, um nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, "den Zugang zu kinderpornografischen Angeboten erleichtert zu haben". Bernhard Debatin (1997) gibt den Namen des von ihm beobachteten CompuServe-Forums aus "Diskretionsgründen" nicht bekannt. Da seine Untersuchung unter anderem die Erfahrungen der Chatterinnen und Chatter mit Netzaffären thematisiert, wird hier Privatheit tatsächlich ein Anliegen sein.

Wenn Zitate aus Newsgroup- und Mailinglisten-Postings oder aus Chat- und MUD-Interaktionen in eine Publikation einfließen wird es zuweilen von der Länge der zitierten Passage abhängig gemacht, ob die Namen der beteiligten Personen zu nennen sind. So ist es gemäß der Ethics Policy von ProjectH (Rafaeli, Sudweeks, Konstan & Mabry, 1998, S. 268) akzeptabel, Kurzzitate (1-2 Sätze) in anonymisierter Form ohne Rücksprache mit den Beteiligten zu publizieren. Werden jedoch mehr als zwei Sätze eines Postings zitiert, so wird explizites Einverständnis verlangt. Somit bleibt es dann den Urheberinnen und Urhebern der Texte überlassen, ob sie ihre Beiträge überhaupt zum Zitieren freigeben und dabei im positiven Fall namentlich genannt oder ungenannt sein wollen. Auf die Notwendigkeit der expliziten Einverständniserklärung im Falle von Zitaten wird auch am Eingang des MUD LambdaMOO deutlich hingewiesen:

NOTICE FOR JOURNALISTS AND RESEARCHERS: The citizens of LambdaMOO request that you ask for permission from all direct participants before quoting any material collected here.

Mit Blick auf die soziale Binnendifferenzierung unterschiedlicher Netzforen wird die Notwendigkeit deutlich, sich bei der ethischen Regelung auch den lokalen Normen anzupassen. Denn die Entwicklung ethischer Richtlinien für internetbasierte Forschung sollte schließlich nicht über die Köpfe der Internet-Nutzerinnen und -Nutzer hinweg erfolgen, sondern an die jeweiligen gruppeninternen Kontroversen über Öffentlichkeit, Privatheit und Datenschutz anknüpfen. So gibt es in Newsgroups zuweilen intensive Debatten über (netzintern) publizierte Posting-Statistiken. Diese werden hin und wieder von Einzelpersonen aus den Postings einer Newsgroup angefertigt. Eine Posting-Statistik gibt unter anderem an, wie viele Postings in einem bestimmten Zeitraum von welchen Personen in einem Netzforum geliefert wurden und stellt somit eine Art Hitliste der aktivsten Gruppenmitglieder dar (Top 10 PosterInnen).

Am 15.2.1997 wurde eine solche Posting-Statistik in die Newsgroup <de.talk.sex> (mittlerweile umbenannt in <de.talk.liebesakt>) gepostet. Die Statistik bezieht sich auf den Zeitraum von 20 Tagen (25.01.1997 bis 15.02.1997), in dem insgesamt 428 Personen 3.205 Postings veröffentlicht hatten. Ist es ethisch bedenklos, die betreffende Statistik in Publikationen aufzunehmen oder gar eigene Statistiken zu erstellen und zu publizieren und dabei die Posterinnen und Poster namentlich aufzuführen? Oder muss man anonymisieren, wie das hier geschehen ist:

Top 10 PosterInnen in <de.talk.sex>
(25.01.1997 bis 15-02.1997)

Name Postings Anteil
1.   Poster 317 9%
2.   Posterin 161 5%
3.   Poster 132 4%
4.   Poster 107 3%
5.   Posterin 105 3%
6.   Posterin 101 2%
7.   Poster 91 2%
8.   Posterin 74 2%
9.   Posterin 69 2%
10. Poster 66 2%
Summe 1223 38%
Gesamt 3205

Obwohl Posting-Statistiken ausschließlich die im Netz frei verfügbaren Informationen in statistisch aggregierter Weise präsentieren, lassen sich sich doch als Datenschutzverletzung interpretieren, weil durch die Nennung in den Top 10 eine besondere (und eben möglicherweise beeinträchtigende) Sichtbarkeit Einzelner erzeugt wird. So können Vorgesetzte durch eine solche Posting-Statistik auf die (bislang unbemerkten) intensiven Netzaktivitäten einzelner Mitarbeiter aufmerksam werden, die womöglich während der Arbeitszeit stattfinden. Und allein die Tatsache der Beteiligung an einem sexualbezogenen Forum könnte zu Ausgrenzung führen, wenn sie in bestimmten Kontexten bekannt wird. Dieses Datenschutz-Argument stieß jedoch in <de.talk.sex> auch auf vehemente Kritik:

Usenet ist ein öffentliches Medium, und keine geschlossene Benutzergruppe, oder ein privater Verein. Es gibt für usenet-Artikel keine expire- oder Vergessens-Pflicht... genauswenig wie für's Fernsehen oder für Zeitungen. Wer keine Öffentlichkeit will, der soll entweder Pseudonym posten, auf ein anderes Medium ausweichen oder garnichts persönliches über sich verraten. (Ausschnitt aus einem Posting vom 18.2.1997 in <de.talk.sex>)

Die Abgrenzung zwischen privatem und öffentlichem Verhalten und daraus abgeleiteten Datenschutz-Ansprüchen ist eng mit Risikowahrnehmungen verknüpft. Während einige Personen in <de.talk.sex> berichteten, ihnen seien Fälle bekannt, in denen Posting-Aktivitäten in <de.talk.sex> negative Konsequenzen außerhalb des Netzes nach sich zogen, betonten andere, sie könnten "im Notfall" zu allem "stehen", was sie posten. Die 10 beliebtesten Gesprächsstränge (Betreffs) im betrachteten Zeitraum sind hier aufgeführt:

Top 10 Betreffs in <de.talk.sex>
(25.01.1997 bis 15-02.1997)

Betreff Postings Anteil
1.   Schminke bei Frauen 314 10
2.   Was toernt Frauen ab? 239 7
3.   Jungfraeulichkeit 188 6
4.   Was toernt Maenner an? 121 4
5.   Lustschreie 105 3
6.   Missbrauch [paedo] 89 3
7.   Zur Hure, um die Beziehung zu retten? 80 2
8.   Missbrauch etc. 67 2
9.   Wieviel Tierficker gibt es eigentlich? 62 2
10. Beschlagnahme, der Fall 57 2
Summe 1322 41%
Gesamt 3205

In der Internet-Forschung ist zu beachten, dass selbst aggregierte Nutzungsdaten (z.B. Top Ten der am häufigsten aufgerufenen WWW-Seiten an einer Hochschule oder in einem Unternehmen) politisch (z.B. personalpolitisch, netzpolitisch, sexualpolitisch) sehr brisant sein können, sobald sie erst einmal zusammengestellt und (netzintern oder netzextern) veröffentlicht sind.

Für die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer wird vor dem Hintergrund unerwünschter Beobachtung und möglicher Publikation ihres Nutzungsverhaltens die Option nachhaltiger Anonymisierung bedeutsam. Heute kann nicht nur das eigene Mailing- und Postingverhalten mithilfe von Remailern (siehe Kap. 2.2.3) oder webbasierten Email-Diensten (z.B. http://www.hotmail.com/) anonymisiert werden – auch anonymes Recherchieren und "Surfen" im WWW ist möglich (z.B. mit einem sog. Anonymizer: http://www.anonymizer.com/). Ebenso können eigene Web-Angebote ohne Nennung des realen Namens publiziert werden – bei diversen Webspace-Anbietern sogar kostenlos (z.B. http://www.geocities.com/).

Werden Kommunikationsprotokolle aus MUDs oder Chats publiziert, bleiben die Nicknames üblicherweise erhalten (z.B. Danet, Ruedenberg-Wright & Rosenbaum-Tamari, 1997; Reid, 1991, 1994a; Rodino, 1997) – ohne dass im Text Verweise auf die Sicherstellung des informed consent aller Beteiligten hinsichtlich Nickname-Publikation zu finden wären. Da Personen, die sehr engagiert Chatten oder Mudden, in der Regel feste Nicknames benutzen, ist es eigentlich erforderlich, Nicknames zu anonymisieren (d.h. herauszunehmen oder zu modifizieren), sofern kein explizites Einverständnis zur Nick-Nennung gegeben wurde (für eine Publikation mit anonymisierten Nicks siehe Debatin, 1997). Wie das Einverständnis zur Nick-Nennung bei Beobachtungsstudien ganz praktisch einzuholen wäre (sporadische Chatter und Mudder sind kaum erreichbar, Email-Adressen sind oft nicht bekannt) und wie mit dem aus der Anonymisierung resultierenden Informationsverlust umzugehen wäre, bleibt diskussionsbedürftig. So wäre die Studie von Bechar-Israeli (1995), die sich der Inhaltsanalyse von Nicknames widmet, wohl mit Anonymisierungs-Anspruch nicht durchführbar gewesen. Ohnehin muss man sagen, dass eine Zuordnung von Nicknames zu Personen ja nur denjenigen möglich ist, die sich selbst im Netz auskennen und die somit in einer wissenschaftlichen Publikation nur wiederfinden würden, was sie im Netz selbst "live" miterlebt haben oder nachlesen können.

Am 20. Januar 1997 fand im MUD MediaMOO unter Leitung von Amy Bruckman ein Symposium zum Thema The Ethics of Research in Virtual Communities statt, auf dem die virtuell versammelten Expertinnen und Experten weitaus mehr Fragen als Antworten zusammentrugen. Mit dem expliziten Einverständnis aller Beteiligten wurde der Diskussionsverlauf vollständig automatisch registriert und publiziert: http://asb.www.media.mit.edu/people/asb/mediamoo/ethics-symposium.html. (lokale Kopie: ethics.htm) Hier ein Ausschnitt (ohne Systemmeldungen und off-topic-Mitteilungen):

 

Coyote says, "Perhaps I can summarize. Three points - that inspite of disciplinary differences in methods, there are core ethical issues. Two, that many if not most ethical issues on-line are similar to those off-line, and 3) that there are challenges."

LurkingHorror thinksd that MOO'S & MUD's should mirror real life in terms of room discussions -- ie: conference rooms are open... rooms are only private if access is limited

LurkingHorror thinks public vs non-public is clearcut

Coyote says, "Oh, Public... I mean public in the sense that it is open to scrutiny and that one may legitimately expect to be observed by others. Generic public behavior."

Daniel says, "But since MOOs usually require membership, is there really such a thing as a 'public' space on a MOO?"

Jay says, "are malls public spaces?"

MitchP [to Daniel]: anyone can be a guest on a moo

Jay says, "some moos don't have guests"

Lavender_Guest says, "I'm a guest"

MitchP [to Jay]: by some definitions yes,others no

RobtC says, "But we can and do bar some sites from even guesting"

Coyote says, "Membership in MOOs is very open, though I acknowledge there is variation."

lynn thinks public is pretty relative to expectations about who will be reading/participating/passing thru a given place

Jay [to Coyote]: I'd qualify that a little more. Membership in my workmoo implies you're an employee of The MITRE Corporation, for example.

Dave draws your attention to the last post on *re and suggests that many of the issues being discussed here are matters of copyright law and not merely of research ethics

LurkingHorror anyone can be a guest - but MOO rooms can be locked out to certain people - ie: you could run a clubhouse that allows only certain people

Tari says, "well, my problem is, there's been a lot of discussion aimed at making rules according to what is and isn't public, which would be nice and clearcut--if the distinction between public and non-public were actually clear-cut and agreed on."

Das Symposium verdeutlicht die Heterogenität der Einschätzungen zu ethischen Problemen der Internet-Forschung. Die in der vorliegenden Arbeit präsentierten Netzdokumente sind teilweise anonymisiert, teilweise nicht-anonymisiert, und ihre Publikation ist teilweise durch explizites, teilweise durch implizites Einverständnis abgesichert.    

 

 


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Nicola.Doering@urz.uni-heidelberg.de
1. Juni 1999, letzte Änderung: 3. Juni 1999