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Methodische Erfassung computervermittelter Kommunikation
Bei der Definition und Beschreibung
der verschiedenen Varianten zeitversetzter (Kap. 2) und zeitgleicher (Kap.
3) computervermittelter Kommunikation im Internet sowie bei der Charakterisierung
der Internet-Population (Kap. 4) haben wir auf
Daten zurückgegriffen, die im Kontext unterschiedlicher Forschungsdesigns an unterschiedlichen Stichproben von Untersuchungsobjekten mit unterschiedlichen Datenerhebungsmethoden gewonnen und schließlich mit unterschiedlichen Analysemethoden ausgewertet wurden. Das vorliegende Kapitel konzentriert sich
aus methodischer Sicht auf die Frage, welche Datenerhebungsmethoden der
sozialwissenschaftlichen Internet-Forschung allgemein zur Verfügung stehen und wie
intensiv man sie bislang nutzt.
Kap. 5.1 wendet sich den
Beobachtungsmethoden zu und geht auch auf die Auswertung von Beobachtungsmaterial mittels
Inhaltsanalysen ein. Kap. 5.2 behandelt mündliche und Kap. 5.3
schriftliche Befragungsmethoden. Alle drei Gruppen von Datenerhebungsmethoden (für
weitere Methoden siehe Williams, Rice & Rogers, 1988) sind sowohl zur Untersuchung der
Merkmale der Internet-Nutzung (z.B. sprachliche Besonderheiten bei der
Netzkommunikation), als auch zur Erfassung ihrer Determinanten
(z.B. Nutzungskompetenz, Nutzungsmotive) sowie ihrer Konsequenzen
(z.B. Veränderung von Beziehungsmustern und Gruppenzugehörigkeiten in Folge der
Internet-Nutzung) geeignet. Generell profitieren internet-bezogene Studien von einer
Kombination unterschiedlicher methodischer Zugangswege. Zudem können und sollen
Internet-Studien nicht nur netzinterne, sondern auch netzexterne
Datenquellen ausschöpfen. So kann man beispielsweise zur Untersuchung der
Chat-Kommunikation Interaktions-Sequenzen auf Chat-Channels mitprotokollieren, die
regelmäßigen Face-to-Face-Treffen (Parties, Stammtische) von Channel-Mitgliedern
teilnehmend beobachten, die Erfahrungen unterschiedlicher Gruppen von Chattern und
Chatterinnen per Leitfaden-Interview oder per Fragebogen erfassen. Die Wahl einer
Datenerhebungsmethode steht in enger Verbindung zum Untersuchungsdesign. Um die Fülle der Untersuchungsdesigns zu ordnen, lassen sich vor allem drei
Kriterien heranziehen:
- Anzahl der Untersuchungsobjekte
(Einzelfallstudie versus Stichproben- oder Populations-Untersuchung),
- Anzahl der Untersuchungszeitpunkte
(Querschnittstudie versus Längsschnittstudie),
- Kontrolle der Bedingungsvariation
(Ex-post-facto-Design versus experimentelles Design).
Auch wenn Datenerhebungsmethoden im Folgenden im Zentrum stehen, werden wir immer wieder auch auf
Fragen des Untersuchungsdesigns, der Stichprobenauswahl sowie der Datenanalyse zu sprechen
kommen. Die einzelnen Untersuchungsdesigns und Stichprobenarten werden deswegen nicht
gesondert behandelt. Eine Ausnahme bilden die experimentellen Designs, denen Kap.
5.4 gewidmet ist. Kap. 5.5. diskutiert ethische Probleme netzimmanenter Datenerhebung und Kap. 5.6 liefert eine kurze Zusammenfassung.
5.1 Beobachtung
5.2 Mündliche Befragung
5.3 Schriftliche Befragung
5.4 Experiment
5.5 Ethische
Probleme
5.6 Zusammenfassung
5.5 Ethische Probleme der Internet-Forschung
Es ist zu erwarten, dass sich in nächster Zeit feste
methodische Durchführungsregeln für die einzelnen netzimmanenten Datenerhebungsmethoden
etablieren und die Merkmale dieser neuen Datenerhebungsverfahren (z.B. Besonderheiten des
Versuchspersonen-Verhaltens) systematisch evaluiert werden. Notwendig ist auch die
Entwicklung verbindlicher ethischer Richtlinien, die
internetbasierte Datenerhebung regulieren (vgl. Williams, Rice & Rogers, 1988, S.
176ff.). So sind bei internetbasierten Verfahren generell Maßnahmen zur Sicherung des
Datenschutzes sehr ernstzunehmen, da digitale Daten besonders leicht zu missbrauchen sind.
Im Folgenden seien ethische Probleme angesprochen, die bei
der reaktiven (Abschnitt 5.5.1) und nonreaktiven (Abschnitt 5.5.2) Datenerhebung sowie bei der Publikation
von Untersuchungsergebnissen (Abschnitt
5.5.3) auftreten können.
5.5.1 Reaktive
Datenerhebung
Bei reaktiven Verfahren wie Online-Interviews, Online-Fragebögen und WWW-Experimenten geben die
Versuchspersonen durch ihre bewusste Entscheidung zur Teilnahme ihr explizites
Einverständnis dazu, untersucht zu werden. Zudem haben sie jederzeit die
Möglichkeit, die Untersuchung ohne Rechtfertigungsdruck abzubrechen. Da reaktive
Verfahren einen mehr oder minder bedeutsamen Eingriff in das Verhalten und Erleben der
Untersuchungspersonen darstellen, ist zu beachten, dass die Probanden mit
Untersuchungsmaterial und -anforderungen nicht alleingelassen sind, sondern auf
ausführliche Erläuterungen und Hilfsfunktionen zurückgreifen können. Zudem sollte
möglichen Beeinträchtigungen (z.B. negative Stimmungsinduktion) entgegengewirkt werden.
In jedem Fall ist es angebracht, den Untersuchungspersonen Kontaktmöglichkeiten (z.B.
Email-Adresse, Telefonnummer) anzubieten, damit sie sich bei Bedarf (z.B. Rückfragen,
Ergebnisbericht, Kritik) direkt mit den für die Studie Verantwortlichen in Verbindung
setzen können. Am Ende der Untersuchung sollten die Hypothesen der Versuchspersonen über
das mutmaßliche Ziel der Untersuchung erfragt werden. Wird im Rahmen der Online-Befragung
oder des WWW-Experiments eine Cover-Story benutzt oder die Zielsetzung der Untersuchung
nicht völlig offengelegt, so sollte im Nachhinein für Aufklärung gesorgt und es auch
freigestellt werden, den eigenen Datensatz wieder zu löschen.
5.5.2
Nonreaktive Datenerhebung
Ethisch problematischer als reaktive Verfahren sind nonreaktive
Verfahren wie die verdeckte freie Beobachtung, die verdeckte Feldbeobachtung und
die automatische Registrierung von Kommunikationsprozessen oder Systemfunktionen. Wenn
Menschen ihren alltäglichen Netzaktivitäten nachgehen und überhaupt nicht wissen, dass
sie untersucht werden, können sie weder Einverständnis noch Widerspruch äußern.
Generell ist davon auszugehen, dass für Menschen außerhalb wie innerhalb des Netzes die
Vorstellung unangenehm ist, heimlich im Rahmen psychologischer Studien
"beforscht" zu werden. In einigen Mailinglisten, Chat-Channels und MUDs werden
Forschungstätigkeiten mittlerweile in öffentlichen Mitteilungen gänzlich untersagt,
obwohl sie sich de facto kaum verhindern lassen. Gegen eine solche Reserviertheit
gegenüber Forschungsaktivitäten wird oft eingewandt, dass öffentliche Äußerungen in
Netzforen ja ohnehin publiziert seien und somit als öffentliche Verlautbarungen (genau
wie Zeitungsartikel, Leserbriefe, Graffitis oder Ansprachen) nicht nur praktisch, sondern
auch ethisch (qua implizitem Einverständnis)
der gesamten Öffentlichkeit (und damit auch der Wissenschaft) frei zum Analysieren und
Zitieren zur Verfügung stünden.
Die Analogie zwischen Zeitungsartikel und Posting ist jedoch
im Verständnis vieler Netzmitglieder zweifelhaft. So richten sich die von Journalistinnen
und Journalisten verfassten Zeitungsartikel bewusst an die breite Öffentlichkeit,
während die von Privatleuten verfassten Postings stets in konkrete interpersonale
Schrift-Gespräche eingebettet sind und man sich in erster Linie untereinander
austauscht. Wenn öffentliche Foren dabei Lurker zulassen, dann sind damit eher
interessiert-empathische Zeitgenossen eingeladen als kritsch-analysierende Wissenschaftler
oder andere Rechercheure. Nimmt man diesen Privatheits-Einwand ernst, ergibt sich, dass
wir auf verdeckte Beobachtungsstudien verzichten und konsequent explizites
Einverständnis einholen müssen, was uns nicht nur von der gewünschten
Nonreaktivität ein Stück entfernt, sondern organisatorisch auch recht aufwendig sein
kann. Soll etwa der Kommunikationsverlauf in einer Mailingliste oder Newsgroup
nicht-verdeckt automatisch beobachtet werden, so müsste man alle aktiven Posterinnen und
Poster separat um ihr Einverständnis bitten und auf die Registrierung der kompletten
Posting-Population verzichten, sobald einzelne Personen ablehnen und dadurch vielfältige
Missings im Datensatz entstehen.
Ein Kompromiss zwischen der Unterstellung impliziten
Einverständnisses und dem konsequenten Einholen expliziten Einverständnisses bei allen
Beteiligten besteht darin, Forschungsaktivitäten öffentlich im Forum anzukündigen, was
freilich wiederum zu reaktiven Effekten führen kann (z.B. bestimmte Personen ziehen sich
zurück, andere äußern sich verstärkt). Bei langen Beobachtungszeiträumen und/oder in
Foren mit unspektakulären Themen darf man aber darauf vertrauen, dass ein
"Versuchskaninchen-Effekt" kaum zu Buche schlägt, weil die Beteiligten das
"Untersucht-Werden" gar nicht besonders beachten und damit wieder eine nahezu
nonreaktive, alltagstypische Forschungssituation entsteht. Nancy Baym (1997, S. 104)
untersuchte die Newsgroup <rec.arts.tv.soaps> und setzte dabei verschiedene
Datenerhebungsmethoden ein: teilnehmende Feldbeobachtung, "Feldgespräche" per
Email (n=10), eine Fragebogen-Erhebung (n=18) sowie die automatische Beobachtung des
öffentlichen Kommunikationsverlaufs durch Registrierung aller Postings im Oktober 1991,
wobei sie ihre Forschungsaktivitäten transparent machte:
I posted two notices to the group explaining the
project and offering to exclude posts by those who preferred not to be involved. No one
declined to participate.
Um offenzulegen, dass man gerade ein Chat-Forum oder ein MUD
zu wissenschaftlichen Zwecken beobachtet, ist es möglich, einen entsprechenden Nick zu
wählen (z.B. "Forschung") und die Anwensenden in privaten Mitteilungen über
die Forschungsaktivität aufzuklären. Bernhard Debatin (1997) beobachtete
nicht-verdeckt teilnehmend von September 1995 bis April 1997 ein international besetztes
Chat-Forum des Online-Dienstes CompuServe und berichtet:
Meine eigene Rolle in diesem Forum war zum einen die
eines aus Deutschland kommenden und deshalb eher exotischen Regulars, zum anderen die
eines (ebenso exotischen) Forschers. Die regelmäßigen Nutzer des Forums waren dabei
über mein wissenschaftliches Interesse informiert und sie sahen darin auch keine
irgendwie geartete Störung. Vielmehr fanden es die meisten Regulars sehr
"cool", daß ich eine Studie über sie beabsichtigte und einige wollten auch
gerne von mir interviewt werden.
Derart positive Reaktionen auf öffentlich annoncierte
Forschungsaktivitäten sind freilich nicht selbstverständlich. Es genügen ein oder zwei
Gruppenmitglieder, die vehemente Vorbehalte gegen "die Psychologen" haben, um
ein Gruppenklima zu erzeugen, in dem die Forschenden mit ihrem Anliegen unter massiven
Rechterfertigungsdruck geraten. Noch problematischer als verdeckte Beobachtungen, bei
denen sich die Betroffenen möglicherweise "ausgehorcht" fühlen, sind verdeckte
Feldexperimente, die leicht den Eindruck erzeugen, hintergangen oder missbraucht zu werden
(vgl. Kap. 5.4.1). Generell ist zu beachten, dass die Grenzen
von Privatheit und Öffentlichkeit bei der
computervermittelten Kommunikation neu ausgehandelt und kontextspezifisch vereinbart
werden, so dass pauschale ethische Richtlinien vermutlich an den Bedürfnissen und
Erwartungen der Beteiligten vorbeigehen. Manchmal wird als Heuristik empfohlen, sich bei
der ethischen Beurteilung einer verdeckten Vorgehensweise im Netz an der Bewertung einer
"analogen" Vorgehensweise außerhalb des Netzes zu orientieren: Ist das
netzimmanente Vorgehen vergleichbar mit dem Fotografieren auf einem Volksfest? Oder
ähnelt es eher einer heimlichen Tonbandaufnahme bei einem Tischgespräch im Lokal?
Angesichts der Schwierigkeit, Netzszenarien einfach als Äquivalente von
Face-to-Face-Situationen zu deuten, ist diese Heuristik jedoch nur bedingt brauchbar.
5.5.3
Publikation von Ergebnissen
Gemäß ethischem Forschungsanspruch sind Konsenskriterien
nicht nur bei der Datenerhebung, sondern auch und vor allem bei der Publikation von
Ergebnissen virulent. Konsequent zu anonymisieren, so dass weder Einzelpersonen noch
konkrete Foren erkennbar sind, maximiert zwar den Datenschutz, ist bei vielen
netzimmanenten Studien aber dennoch nicht wünschenswert: Aussagen über
nicht-identifizierbare Netzforen sind weder kritisierbar noch replizierbar. Die
Nicht-Nennung von Real Names kann eine Verletzung von Autorenrechten bedeuten. Die
Eliminierung von Nicknames geht mit erheblichem Informationsverlust einher, da Namenswahl
und ggf. auch Namenswechsel beim Chatten und Mudden wichtige Identitätsrequisiten sind
(vgl. Kap. 3.2.2). Erforderlich ist vor diesem Hintergrund also wiederum ein
kontextspezifisches Umgehen mit Anonymitäts-Ansprüchen
einerseits und Identifizierbarkeits-Wünschen
andererseits.
Die namentliche Nennung von
Netzforen wie Mailinglisten, Newsgroups, Chat-Channels oder MUDs ist in
Publikationen gängig. Ausnahmen bilden in der Regel nur solche Foren, die in der
Netzöffentlichkeit wenig bekannt sind und vor unerwünschter Aufmerksamkeit geschützt
werden sollen. So bezieht sich z.B. Elizabeth Reid (1994a, Fussnote
22) auf JennyMUSH ein MUD, das Mädchen und Frauen bei der Bewältigung sexueller
Grenzverletzungen helfen soll und nennt dabei auf ausdrücklichen Wunsch der
MUD-Administratorin die Netzadresse nicht, was mutwilligen Störungen vorzubeugen soll.
Dietz-Lenssen (1997, S. 94) führt in der Publikation seiner Analyse kinderpornografischer
Netzangebote nur jene Foren namentlich auf, deren Existenz in allgemein zugänglichen
Quellen ersichtlich ist, und verzichtet explizit auf die namentliche Nennung unbekannterer
Foren, um nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, "den Zugang zu kinderpornografischen
Angeboten erleichtert zu haben". Bernhard Debatin (1997) gibt den Namen des
von ihm beobachteten CompuServe-Forums aus "Diskretionsgründen" nicht bekannt.
Da seine Untersuchung unter anderem die Erfahrungen der Chatterinnen und Chatter mit
Netzaffären thematisiert, wird hier Privatheit tatsächlich ein Anliegen sein.
Wenn Zitate aus Newsgroup- und Mailinglisten-Postings oder
aus Chat- und MUD-Interaktionen in eine Publikation einfließen wird es zuweilen von der
Länge der zitierten Passage abhängig gemacht, ob die Namen der
beteiligten Personen zu nennen sind. So ist es gemäß der Ethics
Policy von ProjectH
(Rafaeli, Sudweeks, Konstan & Mabry, 1998, S. 268) akzeptabel, Kurzzitate (1-2 Sätze)
in anonymisierter Form ohne Rücksprache mit den Beteiligten zu publizieren. Werden jedoch
mehr als zwei Sätze eines Postings zitiert, so wird explizites Einverständnis verlangt.
Somit bleibt es dann den Urheberinnen und Urhebern der Texte überlassen, ob sie ihre
Beiträge überhaupt zum Zitieren freigeben und dabei im positiven Fall namentlich genannt
oder ungenannt sein wollen. Auf die Notwendigkeit der expliziten Einverständniserklärung
im Falle von Zitaten wird auch am Eingang des MUD LambdaMOO deutlich
hingewiesen:
NOTICE FOR JOURNALISTS AND RESEARCHERS: The citizens
of LambdaMOO request that you ask for permission from all direct participants before quoting
any material collected here.
Mit Blick auf die soziale Binnendifferenzierung
unterschiedlicher Netzforen wird die Notwendigkeit deutlich, sich bei der ethischen
Regelung auch den lokalen Normen anzupassen. Denn die Entwicklung ethischer Richtlinien
für internetbasierte Forschung sollte schließlich nicht über die Köpfe der
Internet-Nutzerinnen und -Nutzer hinweg erfolgen, sondern an die jeweiligen
gruppeninternen Kontroversen über Öffentlichkeit, Privatheit und Datenschutz anknüpfen.
So gibt es in Newsgroups zuweilen intensive Debatten über (netzintern) publizierte Posting-Statistiken. Diese werden hin und wieder von
Einzelpersonen aus den Postings einer Newsgroup angefertigt. Eine Posting-Statistik gibt
unter anderem an, wie viele Postings in einem bestimmten Zeitraum von welchen Personen in
einem Netzforum geliefert wurden und stellt somit eine Art Hitliste der aktivsten
Gruppenmitglieder dar (Top 10 PosterInnen).
Am 15.2.1997 wurde eine solche Posting-Statistik in die
Newsgroup <de.talk.sex> (mittlerweile umbenannt in <de.talk.liebesakt>)
gepostet. Die Statistik bezieht sich auf den Zeitraum von 20 Tagen (25.01.1997 bis
15.02.1997), in dem insgesamt 428 Personen 3.205 Postings veröffentlicht hatten. Ist es
ethisch bedenklos, die betreffende Statistik in Publikationen aufzunehmen oder gar eigene
Statistiken zu erstellen und zu publizieren und dabei die Posterinnen und Poster
namentlich aufzuführen? Oder muss man anonymisieren, wie das hier geschehen ist:
Top 10 PosterInnen in
<de.talk.sex>
(25.01.1997 bis 15-02.1997)
| Name |
Postings |
Anteil |
| 1. Poster |
317 |
9% |
| 2. Posterin |
161 |
5% |
| 3. Poster |
132 |
4% |
| 4. Poster |
107 |
3% |
| 5. Posterin |
105 |
3% |
| 6. Posterin |
101 |
2% |
| 7. Poster |
91 |
2% |
| 8. Posterin |
74 |
2% |
| 9. Posterin |
69 |
2% |
| 10. Poster |
66 |
2% |
| Summe |
1223 |
38% |
| Gesamt |
3205 |
|
Obwohl Posting-Statistiken ausschließlich die
im Netz frei verfügbaren Informationen in statistisch aggregierter Weise präsentieren,
lassen sich sich doch als Datenschutzverletzung interpretieren, weil durch die Nennung in
den Top 10 eine besondere (und eben möglicherweise beeinträchtigende) Sichtbarkeit
Einzelner erzeugt wird. So können Vorgesetzte durch eine solche Posting-Statistik auf die
(bislang unbemerkten) intensiven Netzaktivitäten einzelner Mitarbeiter aufmerksam werden,
die womöglich während der Arbeitszeit stattfinden. Und allein die Tatsache der
Beteiligung an einem sexualbezogenen Forum könnte zu Ausgrenzung führen, wenn sie in
bestimmten Kontexten bekannt wird. Dieses Datenschutz-Argument stieß jedoch in
<de.talk.sex> auch auf vehemente Kritik:
Usenet ist ein öffentliches Medium, und keine
geschlossene Benutzergruppe, oder ein privater Verein. Es gibt für usenet-Artikel keine
expire- oder Vergessens-Pflicht... genauswenig wie für's Fernsehen oder für Zeitungen.
Wer keine Öffentlichkeit will, der soll entweder Pseudonym posten, auf ein anderes Medium
ausweichen oder garnichts persönliches über sich verraten. (Ausschnitt aus einem Posting
vom 18.2.1997 in <de.talk.sex>)
Die Abgrenzung zwischen privatem und öffentlichem Verhalten
und daraus abgeleiteten Datenschutz-Ansprüchen ist eng mit Risikowahrnehmungen
verknüpft. Während einige Personen in <de.talk.sex> berichteten, ihnen seien
Fälle bekannt, in denen Posting-Aktivitäten in <de.talk.sex> negative Konsequenzen
außerhalb des Netzes nach sich zogen, betonten andere, sie könnten "im
Notfall" zu allem "stehen", was sie posten. Die 10 beliebtesten
Gesprächsstränge (Betreffs) im betrachteten Zeitraum sind hier aufgeführt:
Top 10 Betreffs in
<de.talk.sex>
(25.01.1997 bis 15-02.1997)
| Betreff |
Postings |
Anteil |
| 1. Schminke bei Frauen |
314 |
10 |
| 2. Was toernt Frauen ab? |
239 |
7 |
| 3. Jungfraeulichkeit |
188 |
6 |
| 4. Was toernt Maenner
an? |
121 |
4 |
| 5. Lustschreie |
105 |
3 |
| 6. Missbrauch [paedo] |
89 |
3 |
| 7. Zur Hure, um die
Beziehung zu retten? |
80 |
2 |
| 8. Missbrauch etc. |
67 |
2 |
| 9. Wieviel Tierficker
gibt es eigentlich? |
62 |
2 |
| 10. Beschlagnahme, der Fall |
57 |
2 |
| Summe |
1322 |
41% |
| Gesamt |
3205 |
|
In der Internet-Forschung ist zu beachten,
dass selbst aggregierte Nutzungsdaten (z.B. Top Ten der am
häufigsten aufgerufenen WWW-Seiten an einer Hochschule oder in einem Unternehmen)
politisch (z.B. personalpolitisch, netzpolitisch, sexualpolitisch) sehr brisant sein
können, sobald sie erst einmal zusammengestellt und (netzintern oder netzextern)
veröffentlicht sind.
Für die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer wird vor dem
Hintergrund unerwünschter Beobachtung und möglicher Publikation ihres Nutzungsverhaltens
die Option nachhaltiger Anonymisierung bedeutsam. Heute kann nicht nur das eigene Mailing-
und Postingverhalten mithilfe von Remailern (siehe Kap. 2.2.3) oder webbasierten
Email-Diensten (z.B. http://www.hotmail.com/)
anonymisiert werden auch anonymes Recherchieren und "Surfen" im WWW ist
möglich (z.B. mit einem sog. Anonymizer: http://www.anonymizer.com/).
Ebenso können eigene Web-Angebote ohne Nennung des realen Namens publiziert werden
bei diversen Webspace-Anbietern sogar kostenlos (z.B. http://www.geocities.com/).
Werden Kommunikationsprotokolle aus
MUDs oder Chats publiziert, bleiben die Nicknames üblicherweise erhalten (z.B. Danet,
Ruedenberg-Wright & Rosenbaum-Tamari, 1997; Reid, 1991, 1994a; Rodino, 1997)
ohne dass im Text Verweise auf die Sicherstellung des informed consent aller Beteiligten
hinsichtlich Nickname-Publikation zu finden wären. Da Personen, die sehr engagiert Chatten oder
Mudden, in der Regel feste Nicknames benutzen, ist es eigentlich erforderlich, Nicknames
zu anonymisieren (d.h. herauszunehmen oder zu modifizieren), sofern kein explizites
Einverständnis zur Nick-Nennung gegeben wurde (für eine Publikation mit anonymisierten
Nicks siehe Debatin, 1997). Wie das Einverständnis zur Nick-Nennung bei
Beobachtungsstudien ganz praktisch einzuholen wäre (sporadische Chatter und Mudder sind
kaum erreichbar, Email-Adressen sind oft nicht bekannt) und wie mit dem aus der
Anonymisierung resultierenden Informationsverlust umzugehen wäre, bleibt diskussionsbedürftig. So wäre die Studie von Bechar-Israeli (1995), die
sich der Inhaltsanalyse von Nicknames widmet, wohl mit Anonymisierungs-Anspruch nicht
durchführbar gewesen. Ohnehin muss man sagen, dass eine Zuordnung von Nicknames zu
Personen ja nur denjenigen möglich ist, die sich selbst im Netz auskennen und die somit
in einer wissenschaftlichen Publikation nur wiederfinden würden, was sie im Netz selbst
"live" miterlebt haben oder nachlesen können.
Am 20. Januar 1997 fand im MUD MediaMOO unter Leitung von Amy
Bruckman ein Symposium zum
Thema The Ethics of Research in Virtual Communities
statt, auf dem die virtuell versammelten Expertinnen und Experten weitaus mehr Fragen als
Antworten zusammentrugen. Mit dem expliziten Einverständnis aller Beteiligten wurde der
Diskussionsverlauf vollständig automatisch registriert und publiziert: http://asb.www.media.mit.edu/people/asb/mediamoo/ethics-symposium.html.
(lokale Kopie: ethics.htm) Hier ein Ausschnitt (ohne
Systemmeldungen und off-topic-Mitteilungen):
Coyote says, "Perhaps I can
summarize. Three points - that inspite of disciplinary differences in methods, there are
core ethical issues. Two, that many if not most ethical issues on-line are similar to
those off-line, and 3) that there are challenges."
LurkingHorror thinksd that MOO'S &
MUD's should mirror real life in terms of room discussions -- ie: conference rooms are
open... rooms are only private if access is limited
LurkingHorror thinks public vs non-public
is clearcut
Coyote says, "Oh, Public... I mean
public in the sense that it is open to scrutiny and that one may legitimately expect to be
observed by others. Generic public behavior."
Daniel says, "But since MOOs usually
require membership, is there really such a thing as a 'public' space on a MOO?"
Jay says, "are malls public
spaces?"
MitchP [to Daniel]: anyone can be a guest
on a moo
Jay says, "some moos don't have
guests"
Lavender_Guest says, "I'm a
guest"
MitchP [to Jay]: by some definitions
yes,others no
RobtC says, "But we can and do bar
some sites from even guesting"
Coyote says, "Membership in MOOs is
very open, though I acknowledge there is variation."
lynn thinks public is pretty relative to
expectations about who will be reading/participating/passing thru a given place
Jay [to Coyote]: I'd qualify that a little
more. Membership in my workmoo implies you're an employee of The MITRE Corporation, for
example.
Dave draws your attention to the last post
on *re and suggests that many of the issues being discussed here are matters of copyright
law and not merely of research ethics
LurkingHorror anyone can be a guest - but
MOO rooms can be locked out to certain people - ie: you could run a clubhouse that allows
only certain people
Tari says, "well, my problem is,
there's been a lot of discussion aimed at making rules according to what is and isn't
public, which would be nice and clearcut--if the distinction between public and non-public
were actually clear-cut and agreed on."
Das Symposium verdeutlicht die Heterogenität der
Einschätzungen zu ethischen Problemen der Internet-Forschung. Die in der vorliegenden
Arbeit präsentierten Netzdokumente sind teilweise anonymisiert, teilweise
nicht-anonymisiert, und ihre Publikation ist teilweise durch explizites, teilweise durch
implizites Einverständnis abgesichert.
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