[PESI-Projekte]

 

Welche sexualbezogenen Angebote gibt es
für heterosexuelle Jugendliche?

Degenhardt, Barbara & Keiner, Tatjana

 

 

Projekt-Skizze

Welche sexualbezogenen Angebote gibt es für heterosexuelle Jugendliche?

untergeordnete Fragestellungen:

  • Welche Bereiche (z.B. Unterhaltung, Information....) kommen vor?
  • Von wem wird es angeboten? (bezieht sich auch auf die Art des pädagogischen Ansatzes)
  • Wie häufig wird es genutzt?

Eventuell möchten wir einen Vergleich der lesbisch/schwulen mit den heterosexuellen Angeboten vornehmen.

Untersuchungsplanung

Theoretischer Hintergrund

Nach traditionellen Sozialisationskonzepten findet in der Jugendphase der Prozeß der Identitätsentwicklung statt. Sozialisation wird als lebenslanger Prozeß der aktiven Auseinandersetzung des Individuums mit (a) sich selbst und (b) in Wechselwirkung mit seiner Lebensumwelt angesehen. Es wird davon ausgegangen, daß das Individuum aktiv und selbstreflektierend ist. Der Prozeß der Identitätsentwicklung Jugendlicher findet einerseits durch Individuation, d.h. dem Aufbau einer individuellen Persönlichkeitsstruktur und andererseits durch die Integration in bestehende gesellschaftliche Werte- und Normensysteme statt. Vorgegebene gesellschaftliche Ziele sind dabei vor allem  der Aufbau von reiferen Beziehungen zu beiden Geschlechtern und  der Schaffung einer Zukunftsperspektive.

So gesehen dient die Jugendphase vor allem der Vorbereitung auf Beruf, Partnerschaft und Familie. In diesem Sozialisationskonzept der jugendlichen (sexuellen) Identitätsentwicklung, werden nicht nur die Entwicklungsaufgaben für Mädchen und Jungen gleichgesetzt, sondern vor allem wesentliche Aspekte der Identitätsentwicklung, der Geschlechtsidentität, autoerotische Sexualität und Sexualität jenseits von festen Beziehungen vernachlässigt. Die einseitige Orientierung der Sozialisation an traditionellen lebensbiographischen Sequenzen steht im Gegensatz zu gesellschaftlichen Gegebenheiten und Anforderungen, in denen individuelle Handlungsspielräume zunehmen. Dies erfordert von dem Jugendlichen nicht nur ein hohes Maß an Selbstorientierung und Eigenverantwortlichkeit, sondern erhöht auch das Risiko des individuellen Scheiterns wesentlich.

Auf diesem Hintergrund kann die (sexuelle) Sozialisation nicht als eine Entwicklungslinie verstanden werden, die einen bestimmten Verlauf mit einem festgesetzten Ende aufweist, sondern als lebenslanger Prozeß, der in der aktiven Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Lebensumwelt gestaltet wird.

Bezogen auf Jugendliche muß beachtet werden, daß diese Lebensumwelt abhängig ist von der jeweiligen Geschlechtszugehörigkeit, von bestehenden Geschlechtsstereotypen und sexuellen Normen und Verhaltensstandards. Strukturiert werden diese Lebenswelten außerdem durch verschiedene Unterstüzungsnetzwerke, wie Familie, Schule, Gleichaltrigengruppe, Medien. Deren Bedeutung varriert in Abhängigkeit von der jeweiligen Alters- bzw. Entwicklungsstufe, aber auch von der Geschlechtszugehörigkeit und kann in unterschiedlichem Maße fremd- bzw. selbstbestimmt sein. Als selbstbestimmte Lebensräume erleben Jugendliche vor Abgrenzung von allem die Gleichaltrigengruppe und die Nutzung von spezifischen Medien, die eine Abgrenzung von der Erwachsenenwelt ermöglichen und Erfahrungs- und Erprobungsfelder bereitstellen. Dieses subjektive Erleben der Selbstbestimmtheit muß jedoch nicht der Realität entsprechen, da die Interaktionsmuster in der Gleichaltrigengruppe und die inhaltliche Gestaltung der Medien wiederum von gesellschaftlichen (erwachsenen) Rollenerwartungen und Stereotypen determiniert sein können. So bietet die Gleichaltrigengruppe für Jugen und Mädchen unterschiedliche Entfaltungsmöglichkeiten und Jungen- und Mädchenzeitschriften transportieren vorwiegend traditionelle Geschlechtsstereotypen.

Das Internet, als relativ neuer medialer Freiraum, bietet dem Jugendlichen interaktiven (Beratung, Chatforen etc.) und passiven (Erzählungen, Selbstdarstellungen etc.) Zugang zu wesentlich mehr und kulturell vielseitigeren "sozialen Welten" verschiedener Altersgruppen als es ihm/ihr bisher durch (Gleichaltrigen)gruppen, Familie und Medien möglich war.

Hieraus ergeben sich für die Projektarbeit folgende allgemeine Fragen: Welche Freiräume stellt das Internet durch seine Angebote für Jugendliche zur Verfügung, die diese selbstbestimmt für ihre sexuelle Identiätsentwicklung nutzen können?

  • Gibt es unterschiedliche Freiräume für Jungen und Mädchen?
  • Wer gestaltet diese Angebote vorwiegend? (Erwachsene für Jugendliche, Jugendliche für Jugendliche etc.)
  • Unterscheiden sich diese Angebote von den traditionellen Angeboten der (Print)medien?
  • Welche Geschlechtsrollen bzw. -stereotypen werden kommuniziert?

Präszisierung der Fragestellung

Als Jugendphase wird der Zeitraum von 12 bis 18 Jahren verstanden, wobei nicht davon ausgegangen wird, daß das biologische Alter dem "tatsächlichen" Alter entspricht. Da in der Jugendphase Identitätsbildung zunehmend über Liebesbeziehungen gestaltet wird, werden wir uns inhaltlich auf Anfragen von Jugendlichen zu Erfahrungen bzw. Problemen in Liebesbeziehungen beschränken (inhaltlicher Aspekt verfügbarer Internetangebote). Somit schließen wir reine Aufklärungs- und Gesundheitsfragen aus (z.B. zu Aids). Wir werden uns auf institutionelle/ nicht-institutionelle Beratungsangebote beschränken, da hier im Vergleich z.B. mit Chatforen, Mailgroups der Adressat der Botschaft eindeutig bestimmbar ist. (formaler Aspekt verfügbarer Internetangebote) Da an Mädchen traditionell-gesellschaftlich andere Entwicklungsaufgaben als an Jungen gestellt werden und sich diese auf deren Selbstorientierung und Selbstbestimmung auswirken, leitet sich hiervon die Frage ab:

  • Welche Geschlechtsrollen über Verhalten von Mädchen unterbreiten die unterschiedlichen Beratungsanbieter in ihren Antworten /Lösungsvorschlägen zu Anfragen über Liebesbeziehungen?
  • (Besonders interessant wären dabei vor allem Selbsthilfeangebote von Jugendlichen für Jugendliche, sofern sie existieren)

 

Methodisches Vorgehen

Sichtung und Beschreibung der Beratungsangebote
Klassifizierung hinsichtlich:
- Quelle/Autor (ideelle Strömung)
- männlich/weiblich Geschlechtsstereotypen*1
- selbst- vs. Fremdbestimmt
Vergleich mit anderen Medien, wie z.B. Bravo, Sugar etc. (evtl.)

Sammlung der Angebote nach Snowball-Prinzip (aber: zum Zweck der Machbarkeit prinzipiell Qualität vor Quantität), evtl. Beschränkung auf best. Anzahl sehr bekannter (Meta)Suchmaschinen Sprache: noch nicht eingegrenzt, voraussichtlich Englisch und Deutsch (allerdings noch nicht geklärt, wie Problem gelöst, daß bestimmte Sprache nicht bestimmten Kulturkreis mit jeweiligen Werten über Männer/Frauen zugeordnet werden kann)

*1Eventuell Orientierung am Bem Sex Role Inventory (BSRI)
Basis: psychologisches Konstrukt der Androgynität

 
 

Literatursuche und Internet-Recherche - Vorläufiges Resümée

 

Beides gestaltete sich recht schwierig. In der pschologischen Literatur über Jugend und jugendliche Identitätsentwicklung wird jugendliche Sexualität, wenn überhaupt nur am Rande erwähnt, und mündet dann meist sehr rasch in die Thematiken Ausbildungs- und Erwerbssituation, geänderte Partnerschaftsvorstellung hinsichtlich Rollenverteilungen ein. Jugend selbst wird als allgemeine, weibliche Jugend als besondere Gefährdung problematisiert (Verhütung, Aidsprävention, Eßstörungen, Anpassungsprobleme, Risikoverhalten usw.). Jugendliche, wie wir sie aus der Realität kennen, ihre Sexualitätsentwicklung, die auf sehr unterschiedlichen Schienen verlaufen und vor allem sehr individuelle Muster aufweisen kann, haben in die Lehr- und Handbücher anscheinend nur wenig Eingang gefunden. Hilfreich waren dann vor allem folgende Bücher:

  • Helfferich, C. (1994). Jugend, Körper und Geschlecht. Die Suche nach sexueller Identität.
  • Sielert, U. (1993). Sexualpädagogik. Konzeption und didaktische Anregungen.
  • Wrede, B./Hunfeld M. Sexualität - (k)ein Thema in der Hochschulausbildung?

Unsere Internet-Recherche war dagegen weniger erfolgreich. Der Suchbegriff "Jugendliche-Sexualität" förderte alle möglichen Angebote zu Tage, von denen die wenigsten etwas mit Jugendlichen allgemein und deren Sexualität im Besonderen zu tun hatten. Beratungs-angebote sind anscheinend dünn gesät und auch nicht einfach zu finden. Während der langwierigen (erfolglosen) Suche, stellten wir uns die Frage, ob Jugendliche das Internet angesichts unserer Schwierigkeiten, überhaupt das Internet als Medium für Anfragen hinsichtlich ihrer Sexualität nutzen. Ob technische Fehler (an die Beratungsangebote der pro familia sind wir z. B. nicht drangekommen) oder unsere mangelhafte Kompetenz im Umgang mit dem Medium Internet unseren Mißerfolg begründete, können wir gerade aufgrund geringer Internet-Erfahrungen nicht entscheiden. Wir konnten uns allerdings dem subjektiven Eindruck nicht erwehren, daß die Jugend (besonders die heterosexuelle) sowohl in der Literatur als auch im Internet vor allem durch Abwesenheit glänzt. Doch die Suche geht weiter . . . . Wir würden diese Probleme gerne im Seminar diskutieren, um neue Anregungen zu erhalten.
 
 

Konkretisierung der theoretischen Vorüberlegungen

Ausgehend von einem interaktionistischen Sozialisationskonzept ist das Selbstkonzept, das unsere Identität konstituiert, als eine dynamische kognitive Struktur zu verstehen, die durch zahlreiche Teilstrukturen gebildet wird. In unterschiedlichen Situationen (Lebensbereichen und Lebensabschnitten) können jeweils andere Aspekte unseres Selbstkonzeptes aktualisiert und verändert werden.

So können auch Brüche zwischen den einzelnen "Identitäten" ("Autonomie" vs. "Verbundenheit") eine Herausforderung für eine ständige Weiterentwicklung unseres Selbstkonzeptes darstellen. Die Aufsplittung des sozialen und gesellschaftlichen Lebens in unterschiedliche Lebensbereiche und damit die Erweiterung der individuellen Handlungs-spielräume eröffnet pluralistische Entwicklungsformen.

Das gleichzeitig beobachtbare Scheitern von traditionellen Lebensmustern führt zudem zu einem zunehmenden Verschwinden von festen Orientierungspunkten und Zielvorgaben, so daß Identitätsentwicklung durch die erfolgreiche Übernahme von vorgegebenen Selbstkonzepten (wie z. B. Geschlechtsrollen) nicht mehr hinreichend beschrieben werden kann. Vielmehr ist die Selbstkonzept (= Identitäts-)entwicklung als lebenslanger Such- und Orientierungsprozeß zu verstehen.

So übernehmen auch Mädchen und Jungen nicht einfach vorgegebene Gechlechtsrollen, sondern benutzen unterschiedliche gesellschaftliche Versatzstücke weiblicher und männlicher Rollen und Selbstdarstellungen, um Selbstcollagen zu erstellen, die der individuellen Gestaltung unterworfen sind (Helfferich, S.7). Daraus ergibt sich nach Ostner (1986, Helfferich, S. ) die Forderung an die Forschung, Jugend "als kontinuierliche Interaktion von Mädchen und Jungen auf der Suche nach ihrer Geschlechtsrollenidentiät" zu begreifen.

Auf dem Hintergrund dieser theoretischen Vorüberlegungen wäre es sicher sinnvoll Stereotypen (wie das Selbstkonzept) nicht als statische Wissenseinheiten zu begreifen, sondern sie eher als Normierungen zu verstehen, die Verhalten regeln, in Frage stellen und auch verändern können. Diese können in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich wirksam werden, es kann ihnen entsprechend, aber auch gegen sie gehandelt werden.

Die gesellschaftliche und historische Veränderung von Stereotypen weist auf deren Diskursfähigkeit hin. Sie können so als in der sozialen gesellschaftlichen Interaktion verhandelbare Verhaltensnormierungen angesehen werden, wodurch ihr Inhalt und ihre Verbindlichkeit ebenso wie das Selbstkonzept Veränderungen unterworfen sein kann.

Beziehungen zur Gleichaltrigen-Gruppe, zur besten Freundin/zum besten Freund, kurze und längere Liebesbeziehungen konstituieren für Jugendliche einen Handlungsraum, der von ihnen als relativ autonom erlebt und von den von Erwachsenen strukturierten Handlungsräumen (Elternhaus, Schule) mehr oder weniger abgegrenzt wird. Inwieweit dieser jugendliche Lebens- und Liebesbereich als Verhandlungsraum für De- und Rekonstruktionen von Geschlechtsrollen oder Stereotypen genutzt wird, wie dieser Diskurs geführt wird, welchen Problemen sich Jugendliche dabei gegenübersehen und welche Lösungen sie andenken und umsetzen, ist noch nicht umfassend erforscht. Im Hinblick darauf, daß es sich bei der Jugend um eine sehr komplexe und heterogene Teilgruppe der Gesellschaft handelt, muß davon ausgegangen werden, daß sehr unterschiedliche Entwicklungsmuster auffindbar sind.

Im Rahmen unseres PESI-Projektes konzentrieren wir uns dabei auf eine kleine Teilgruppe von Jugendlichen, die das Internet und seine auf Jugendliche ausgerichteten sexuellen Inhalte nutzen. Wie sich diese Teilgruppe beschreiben läßt, ist unklar, da dies nicht tranparent ist und uns diesbezügliche Untersuchungen nicht bekannt sind. Klar scheint zu sein, daß nur wenige Jugendliche Anschluß ans Internet haben und sicherlich ein großer Teil aller Jugendlichen in ihrer sexuellen Entwicklung ohne institutionelle Beratungsangebote auskommen.

Aufgrund der Anfragen der Jugendlichen und der Beratungsangebote der unterschiedlichen Institutionen, soll mittels inhaltlicher Kategorien herausgearbeitet werden, wie dieser Diskurs von den Jugendlichen eingeleitet und von den Beratern aufgegriffen und weitergeführt wird. Wichtig wäre dabei auch, zu prüfen, ob diese Interaktion im Medium Internet überhaupt als Diskurs bezeichnet werden kann.
 
 
 
 

Präzisierung der Konstrukte "Sexualität" und "Selbstkonzept"

1. Sexualität

Angelehnt an Sielert (1993) begreifen wir Sexualität als eine allgemeine Lebensenergie, die sich des Körpers bedient, sich aus vielfältigen Quellen speist, unterschiedliche Ausdrucksformen kennt und in verschiedener Hinsicht sinnvoll sein kann. Ausdrucksformen und Sinnkomponenten von Sexualität sind die vier Aspekte:

1. Identitätsaspekt

meint in seiner elementarsten Bedeutung die Erfahrung des eigenen Ichs als eine eigenständige und zur Selbstbestimmung fähige körperliche und seelisch-geistige Einheit. Sexualität ermöglicht das Geben und Nehmen von Selbstbestätigung als Bedingung zur Selbstliebe und als Voraussetzung, auch andere in ihrem Selbst zu achten.

2. Beziehungsaspekt

betont die Möglichkeit, im Kontakt zu anderen Menschen Wärme und Geborgenheit zu geben und zu empfangen. Sexualität als intime Begegnung kann das Bedürfnis nach Dauer, nach Vertrautheit, nach "Wiedererkennen" bzw. "Heimat-haben" wecken.

3. Lustaspekt

deutet auf Sexualität als Kraftquelle hin, die Lebensmut erhöhen und in der Leidenschaft und Ekstase ihren kraftvollsten Ausdruck finden kann.

4. Fruchtbarkeitsaspekt

ist die lebensspendende Kraft der Sexualität. Dabei ist die Zeugung eines Kindes nicht die einzige, wenn auch sehr wichtige und plastische Form, Leben zu spenden.

Von einer gelungenen Sexualität wird dann gesprochen, wenn sich die einzelnen Sinnaspekte in einem Verhältnis der "dynamischen Balance" befinden. Dies bedeutet nicht, daß alle vier Sinnaspekte von Sexualität gemeinsam erlebt werden, sondern eine bestimmte Komponente kann durchaus (auch abwechselnd) im Vordergrund stehen. Problematisch für eine gelungene Sexualität ist die dauerhafte Fixierung auf eine dieser Sinnkomponenten.

Empirische Untersuchungen und Befragungen von Jugendlichen zeigen, daß diese sich zur Utopie einer ganzheitlichen Sexualität bekennen.

Für eine Analyse der Beratungsangebote ließen sich daraus folgende Fragen ableiten:

  • Welcher Sexualitätsbegriff liegt ihnen zugrunde?
  • Werden alle Sinnkomponenten thematisiert oder werden einzelne Aspekte besonders betont?


 

2. Selbstkonzept
 
 

= Selbstkonzept

mit verschiedenen Komponenten

¯ ¯

affektive Komponente kognitive Komponente

¯ ¯¯¯

Selbstwertgefühl Selbstvertrauen Wissen, das man Selbst-

(Self-esteem) von sich selbst wahrnehmung

hat

¯

Fähigkeitskonzept = wichtiger Aspekt des Selbstkonzeptes ® Selbsteinschätzung

(self-esteem)

Kategorienbildung

Bei der Auswahl der Kategorien ließen wir uns neben dem zugrunde gelegten Sexualitäts-begriff und den affektiven Komponenten des Selbstkonzeptes von folgenden Überlegungen leiten:

  • Die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen muß als ein Lernprozeß begriffen werden, der vor allem in Beziehungen zu Gleichaltrigen und Liebesbeziehungen stattfindet. Sielert (1993) spricht dabei von Beziehungslernen als einem spiralförmigen Prozeß, in dessen Verlauf kurzfristige und langfristige Beziehungen einen unterschiedlichen Stellenwert haben können. Dabei spielen für Jungen und Mädchen die Gleichaltrigengruppen, sobald sie eine Paarbindung eingehen, eine unterschiedliche Rolle. Betrachtet man den typischen Entwicklungsverlauf von Jungen und Mädchen, so fällt auf, daß Mädchen eher als Jungen auf Autonomie verzichten, indem sie z. B. eigene Freundschaften "zugunsten" der Liebesbeziehung aufgeben. Utopien können dabei handlungsleitend sein, weil sie Orien-tierungspunkte setzen.
  • Der Körper ist für Jugendliche ein wichtiges Medium, um mit ihrer Sexualität umzugehen. Unterschiedliche Körperinszenierungen können Wünsche, Bedürfnisse, aber auch Ängste transportieren. Die eigene Attraktivität, der Umgang mit körperlichen Veränderungen und wahrgenommene Diskrepanzen zwischen Realbild und Idealbild spielen dabei eine wichtige Rolle.
  • Weiblichkeit und speziell jugendliche Weiblichkeit wird als Gefährdung thematisiert, wobei die besondere Vulnerabilität des Körpers, die an die reproduktiven Funktionen und die innere Genitalität und an die weibliche Sexualität gebunden ist, betont wird. Daraus kann sich das Bild "Weiblichkeit als Krankheit" entwickeln, was bei Mädchen zu vielfältigen Ängsten hinsichtlich ihrer Menstruation (Eintritt, Verlauf), dem Wachstum der Brüste (Brustkrebs?), einer möglichen Schwangerschaft usw. führen kann. Die Gefahren-quelle ist dabei nach innen verlagert und reale äußere Gefahren werden nicht immer mitgedacht (sexuelle Gewalt).
  • Jugendliche Sexualität entwickelt sich nicht in einem festgelegten Rahmen. In dem Maße wie sich Freiräume für sexuelle Erfahrungen ergeben, kann auch der Grad der eigenen Gefährdung zunehmen. Besonders Mädchen müssen lernen, Grenzen zu ziehen, ihre eigenen Bedürfnisse und sexuellen Wünsche einzubringen und mit aggressiven Erfahrun-gen umzugehen.
  • Wichtig schienen uns auch die Unterstützungsnetze zu sein, auf die Jugendliche zurück-greifen können, denn diese stellen soziale Ressourcen und potentielle Positionen dar, die den Diskurs anreichern können.
  • Bei Sichtung der entsprechenden Literatur fiel besonders auf, wie wenig eigentlich heterosexuelle Identitätsentwicklung thematisiert wird. Indem sie als selbstverständliche Norm unsichtbar gemacht wird, scheint sie der impliziten Abgrenzung der lesbischen und schwulen Identitätsentwicklung in den Bereich der Anomalie zu dienen.


 
 

Kategorien
 
 

Fragestil - Antwortstil

spezifisch (konkret) versus global (allgemein)
 
 

Fragen und Antworten (inhaltl.)

Sexualitätsbegriff

  • Gewichtung der einzelnen Sinnaspekte
    • Identitätsaspekt
    • Beziehungsaspekt
    • Lustaspekt
    • Fruchtbarkeitsaspekt

Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen

  • Attraktivität
    • Körperinszenierungen
    • Realbild -Idealbild
  • Vulnerabilität
    • Mädchensein als Krankheit (Ängste)
    • körperliche Veränderungen (Menstruation usw.)
  • Kompetenzen
    • Fähigkeit zu Grenzziehungen
    • Ausdruck von eigenen Bedürfnissen (Lustempfinden)
    • Umgang mit aggressiven Erfahrungen

Beziehungslernen

  • kurzfristige versus langsfristige Beziehungen
  • Utopien (Ziele)
  • Autonomie versus Unselbständigkeit (andere Bezeichnung?)
    • Autonomie: eigene Freundschaften, Interessen?
    • Unselbständigkeit: Definition über den Partner

Ressourcen

  • Freunde/Freundinnen
  • Eltern/Erwachsene

Normierung

  • Annahme einer heterosexuellen Identität als sebstverständlich?
  • Wie wird mit Homosexualität umgegangen?
    • Wird es erwähnt?

    • Wird zwischen lesbisch, schwul und bisexuell unterschieden?